RE: Reise in die Türkei 1983 Teil 2, Isparta und Umgebung

#1 von Brillenhuber , 02.01.2016 19:10

Hallo
Nun Teil 2:

In Isparta, einer kleinen Stadt ca. 100 Kilometer nördlich von Antalya, bezogen wir das Hotel Gülistan.
Isparta war damals Garnisonsstadt. Auf unserm Weg zum Bahnhof kamen wir jeweils am Sitz des Generals vorbei. Wenigstens glaubten wir das. Auf dem Trottoir war jeweils ein bewaffneter Soldat unterwegs. Mit der Zeit kannte man sich, grüsste und wurde gegrüsst.
In der Türkei hatten wir übrigens den Unterschied zwischen „Otel“ und „Hotel“ herausgefunden: Das Otel war in der Regel einfach gehalten und nur von Einheimischen belegt. Dafür waren Übernachtungspreise von 8 bis 15 Franken zu zahlen. Wir haben aber immer gut geschlafen, und die Zimmer waren sauber und genügten unsern Ansprüchen. Manchmal musste man sich aber an gewisse rustikale Installationen gewöhnen. Eine Steckdose über der Badewanne, zwischen Wannenrand und Duschkopf, regte zu sehr vorsichtigem Umgang mit Wasser an. Vor allem, als ich Kaspar dann vordemonstrierte, dass der Rasierer dort eingesteckt auch funktionierte.
Im Hotel gings eher gediegen zu. Aber die Preise waren auch höher.

Ein Wort noch zu den sanitären Einrichtungen: Klopapier war auf dem Land nicht bekannt. Meistens war auf dem Stehklo in Bodennähe ein Wasserhahn angebracht, mit dem man dann die Hände und anderes säubern konnte.
Beim Steh- bzw Kauerklo war es wichtig, die Hose nur bis höchstens unters Knie zu ziehen, und höllisch darauf zu achten, dass gewisse Organe freien Abfluss hatten Ansonsten hatte man ein Problem.
Bei den Sitzklos war meistens eine Art Ur- Closomat installiert: Ein Kupferrohr kroch von hinten her über den Schüsselrand. Das war ebenfalls mit einem Hahn verbunden und damit konnte ein mehr oder weniger gezielter Strahl an die zu säubernden Stellen geleitet werden.

Nun, am nächsten Tag, den 22. September fuhren wir mit dem Bus nach Egridir. Die Landschaft war flach mit Hügeln dazwischen. Umso grösser war dann die Überraschung, als man nach einem kleinen Anstieg plötzlich an einem Steilhang stand und ca. 200 Meter unter sich einen wunderbaren grossen, tiefblauen See sah.
Das war der Egridir Gölü (Gölü=See). Von den Abmessungen entspricht er etwa dem Bodensee.
Die Bahn fuhr in einer Schlaufe bis an den Rand der Ortschaft. Dort war ein sehr interessanter Bahnhof in 3 Ebenen vorhanden:

Unten war die Lokremise, in der Mitte die Wagenhalle und oben der Personenbahnhof mit Perron.

Das Gebäude auf der Kuppe ist der Knast. Egridir hat auch eine grosse Garnison. Das Gelände zwischen Bahn und Strasse ist von Felsen und Gebüschen geräumt und diente als Exerzierplatz. Wir konnten dem Militär bei ihrem Drill zusehen.

Hier sieht man die Ebenen besser.

Kurz vorher waren wir unten und hatten der Bereitstellung des Zuges zugesehen:

Dabei ist uns ein Wagenkasten aufgefallen, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte:

Von der Bauart her amerikanisch würde ich sagen.

Der Personenbahnhof war auch idyllisch angelegt:


Irgend wann gings dann los:



Das Häuschen dort im Hintergrund dürfte die Residenz den Kommandanten gewesen sein. Auf jedenfall war sie auch bewacht.


Die Bahn umrundete den besonnten Hügel im Hintergrund.



und verschwand dann zwischen Hügel und Felswand in Richtung Bözanönü.

Die Brücke war übrigens eine einfache Stahträgerbrücke:

aber wunderschön gelegen. Und vom alten Trasse her konnte man gut fotografieren.

Der nächste Zug fuhr dann erst Stunden später, so dass wir im See baden gingen. Ich habe nie vor- und nachher so klares Wasser, wie in diesem See gesehen. Man konnte es unbeschadet trinken. Es schmeckte ausgezeichnet!

Ein Wort noch zum Betrieb.
Dazu ein Ausschnitt aus der Open Railway map:

Der Zug kam von Dinar (links oben) her und fuhr zuerst Burdur an.
Nachher Lok umfahren und zurück nach Gümüsgün.
Dort Lok umfahren und weiter nach Isparta.
In Isparta Lok umfahren und wieder zurück nach Bözanönü
Lok umfahren und weiter nach Egridir.
Von dem Moment her, wo der Zug zum ersten Mal Gümüsgün ansteuerte, bis Egridir dauerte es mindestens 3 Stunden.
Kein Wunder, war die Bahn keine Konkurrenz zum Bus. Auf dem Rückweg war das Spiel dann umgekehrt.

Nachher kam dann der zweite Zug:




Im Hintergrund links sieht an noch was interessantes: Der Türkische Halbmond mit roten Steinen auf der Geröllhalde schön angelegt. Das sieht man in der Türkei noch öfters.

Ich folge jetzt imaginär dem Laufweg des Zuges, wobei die Bilder nicht chronologisch aufgenommen sind.
Nach ca. 20 Kilometern wird Bözanönü, die Abzweigstation in Richtung Isparta erreicht.
Umfahren in Bözanönü:




Ankunft in Isparta


und Abfahrt:

Isparta selber war ein schön gelegener Bahnhof.



Mit einer Ausschlackgrube im Freien:



Kaspar auf Motivsuche:


Und dann gings wieder in Richtung Bözanönü. Diese Bilder sind ein paar Kilometer vor Isparta aufgenommen. Nach der Karte ist heute alles überbaut.





Diese Bilder sollen auch ein wenig den Charakter der Landschaft aufzeigen. Relativ eben, aber mit Hügeln gegliedert. Damit hat die Bahn zu kämpfen, weil sie die Hügel jeweils umfahren muss. Isparta und Burdur sind nur durch einen Hügelzug getrennt. Der Bus fährt über den Hügel und die Bahn 30 Kilometer rundherum.

Nun, in Burdur haben wir einiges erlebt, das wir aber nicht fotografieren konnten. Wir wollten den Betrieb des Depots fotografieren, und dafür eine Genehmigung der örtlichen Polizei haben. Laut Kaspars Lok Report sollte das möglich sein.
Nun, also begaben wir uns zum Polizeiposten.
Ein Haus, 3 Stockwerke, 2 Eingänge. Wir trennten uns, und jeder nahm sich einen Eingang vor. Auf meiner Seite wollte niemand zuständig sein, obwohl ich von Büro zu Büro weitergeleitet wurde. Hilfsbereit waren die Leute schon, da gibts nichts zu sagen.
Unten traf ich dann Kaspar wieder, dem es gleich ergangen war. Aber er hatte den Hinweis erhalten, dass der Wali dafür zuständig sei.
Nun den besuchten wir dann auch. Im Vorzimmer hat uns die Vorzimmerdame, nach Rücksprache mit ihrem Herrn, unter massiver Benützung des kleinen Langenscheidts erklärt, dass es keine Fotolizenz braucht.
Nun gut. Dass die 2 Stunden gut angelegt waren, merkten wir aber erst 2 Tage später!

Also, zurück zum Bahnhof und den Depotbetrieb angesehen.




Da wir aber mit dem Besuch des Walis viel Zeit verloren hatten, begaben wir uns nach Gümüsgün.


Und hatten Glück. Ein Zug wartete dort.
Das Statiönchen lag sehr idyllisch.


Und vom Personal wurden wir regelrecht umgarnt und mit Paranüssen versorgt.

Auch die Lok musste begutachtet und das auch dokumentiert werden.




Die Lok, eine Preussische G8, sollte zur Lieferung von Henschel 1906 gehören. So jedenfalls nach der Tabelle hier:
http://www.railhoo.de/reports/main.html?..._dampfloks.html

Nach einem Weilchen kam dann ein Güterzug mit Personenbeförderung. Nun begann das Kaisermanöver:
Der Zug wurde geteilt und mit der wartenden Lok bestückt und sie fuhren dann in Richtung Isparta/Egridir und Burdur.


G8 trifft G8 Nachbau.





Unter reger Anteilnahme der Fahrgäste wird rangiert.



Der Lokführer hat offensichtlich gute Laune.

Ob er weiss, dass er auf einer Original KPEV Lok Dienst tut? Diese Lok ist höchstwahrscheinlich als Militärhilfe 1916 in die Türkei gekommen.

Nachdem alles erledigt war, setzte sich der Zug in Richtung Isparta in Bewegung.



Während die andere Lok einen Zug nach Burdur zusammenstellt und dann auch dahin verschwindet.





Das Personal verabschiedet sich.



Im Hintergrund sieht man schon die neue Zeit: Die Brückenbaustelle trägt heute die Autobahn und die Landschaft ist weitgehend industrialisiert.


Nach einem Päuschen waren wir wieder an der Strecke und warteten auf die leere Lok, die von Burdur her kommen sollte. Kaspar hatte ein ziemlich genaues Drehbuch geschrieben, und seinen Film (16mm Film war nicht billig!) genau verplant.
Wir standen an einem Feld. Bepflanzt mit Traubenstöcken, die aber nicht hochgebunden waren. Das Feld war von Büschen und Bäumen eingegrenzt, die bis an die Bahn reichten. Somit konnte man den Zug nicht von weitem sehen.
Nun, wir stellten uns bereit und warteten. Plötzlich kam was daher. Kaspar stellte den Film an, und was kam:



Richtig: Zwei Pumpdraisinen, die damals noch allgegenwärtig waren. Und die Mitfahrer hatten eine Scheissfreude, dass sie abgelichtet wurden.
Kaspar war nicht sicher, ob er sich freuen sollte. Aber das gehört auch zum damaligen Bahnbetrieb.

Kurz danach kam dann die Lok:


Die Büsche sind übrigens die Traubenstöcke.


Vor der Lok sieht man eine betriebliche Spezialität. Signale gab es damals auf dem Land höchst selten. Die Scheibe die man sieht, war schon aussergewöhnlich. Ein paar Minuten vor Zugseinfahrt stiefelte ein Bediensteter mit roter und grüner Signalflagge ein paar hundert Meter vor die Station und stellte den Zug mit der roten Flagge oder gab mit der grünen Flagge sein Einverständnis zur Einfahrt.
Blockstrecken habe ich nur auf der Hauptlinie zwischen Ankara und Istanbul gesehen. Ein halbes Jahr später waren wir nach Kars, an der russischen Grenze, unterwegs. Auch der Dogu (Ost) Ekspres hielt an allen Stationen.

Eine Episode ist auch noch hängen geblieben:

Dieser Herr kam mit einer Edixa, die gleiche Kamera, wie ich habe und hat uns angesprochen. Es dauerte seine Zeit, bis wir herausbekamen, dass er mit der Kamera ein Problem hatte. Offensichtlich stimmten Sucherbild und Kamerabild nicht überein.
Ich wollte den Spiegel anschauen, und das Objektiv abschrauben. Ich brachte es nicht weg! Der Besitzer hat es mir dann weggeschraubt. Er brauchte viel Kraft dazu!
Es war so, wie ich vermutet hatte: Der Spiegel war leicht schräg.
Mit dem Vergleich meiner Kamera und Händen und Füssen, konnten wir ihm das verständlich machen. Unser Rat war, er solle den Spiegel bei einem Fotografen richten lassen.
Dankbar zog er von dannen.

Wir gingen wieder zur Station zurück und warteten auf den Abendzug. Dabei gabs ein wenig Beifang:
Alte Schienen:


Wasserkran:


Wasserwagen aus Schmalspurtender:



Dann begaben wir uns vor die Station, und erwarteten den Abendgüterzug:
Da erfolgte eine Überraschung:

Dppeltraktion 55 und 44.



Und das alles in einem wunderbaren Licht.

Zurück im Bahnhof durften wir die Loks ansehen.



Die 55022 war wieder eine KPEV Lok.

Die allgegenwärtigen Schlittenwinden.
Hätte man mir gesagt, dass ich 17 Jahre später in der Schweiz eine Lok mit solchen Winden anheben würde, dann hätte ich ihn ausgelacht. Aber es war so.

Pfingsten 2000:


Auch in die Feuerbüchse schaute man:


Der Schatten auf den Bildern ist der Feuerhaken, an dem die Wasserkanne hing.
Tee wurde und wird in der Türkei viel und gerne getrunken.
Zwar wird er auf russische Art zubereitet: Das Teeservice besteht aus 2 übereinandergestapelten Kannen. In der grösseren kocht das Wasser. In der kleineren befindet sich der Tee. Der Tee wird aus Gläsern getrunken. Dazu wird von der kleineren Kanne ein wenig Tee eingegossen und dann mit heissem Wasser aus der grösseren Kanne aufgefüllt.

Übrigens, was wir lange nicht wussten:
Es wird, bei privaten Einladungen, solange ungefragt nachgefüllt, bis man den Löffel quer über das Glas legt. Das bedeutet, man habe genug.

Auf dem Führerstand war die Zeremonie ein wenig robuster: Man hatte eine Stahlflasche mit einem Schraubverschluss und Öse oben. In die Flasche war oben ein 3mm Loch gebohrt. Die Flasche wurde gefüllt, an den Feuerhaken gehängt und ins Feuer gestellt. Sobald das Wasser aus der Bohrung spuderte, konnte man den Tee aufgiessen. Wir haben später miterlebt, dass das durchaus auch während der Fahrt so gemacht wurde.

Am übernächsten Tag waren wir wieder in Burdur.
Wir wollten die 57 mit dem Güterzug angucken.
Die Baureihe 57 hat folgende Daten:

Nummerierung:
57001–57027
Anzahl:
27
Hersteller:
Henschel
Krupp
Schwartzkopff
Baujahr(e):
1933–1937
Achsformel:
1’E1’ h2
Spurweite:
1435mm (Normalspur)
Länge über Puffer:
22200 mm
Fester Radstand:
4500 mm
Gesamtradstand:
10900 mm
Leermasse:
81,3 t
Dienstmasse:
90,6 t
Dienstmasse mit Tender:
151,2 t
Reibungsmasse:
67,1 t
Radsatzfahrmasse:
13,4 t
Höchstgeschwindigkeit:
80 km/h
Indizierte Leistung:
1550 PSi
Kuppelraddurchmesser:
1400 mm
Treibraddurchmesser:
1400 mm
Laufraddurchmesser vorn:
1000 mm
Laufraddurchmesser hinten:
1000 mm
Steuerungsart:
Heusinger-Steuerung
Zylinderanzahl:
2
Zylinderdurchmesser:
630 mm
Kolbenhub:
660 mm
Kesselüberdruck:
12 bar
Heizrohrlänge:
5000 mm
Rostfläche:
3,03 m²
Strahlungsheizfläche:
16,5 m²
Überhitzerfläche:
68,25 m²
Verdampfungsheizfläche:
180,5 m²
Tender:
2’2’ T27
Dienstmasse des Tenders:
60,5 t
Wasservorrat:
27 m³
Brennstoffvorrat:
8 t Kohle

Die 57009 stand vor dem Bahnhofsgebäude:

Nach dieser Liste:
http://www.trainsofturkey.com/w/pmwiki.p.../PreservedSteam
stammt sie von Henschel 1933 Fabrik Nr: 22159 und soll in Usak noch vorhanden sein.

Bereitstellen vor dem Güterzug:



Und Abfahrt:




Und nun kam der Hammer:
Der Istasyon şefi, Bahnhofsvorstand, wollte die Fotogenehmigung sehen! Die hatten wir ja nicht, weil wir von kompetenter Stelle die Versicherung hatten, dass wir keine brauchten! Nun, wir wurden ins Büro gebeten und es wurde die Polizei avisiert. Die kam dann auch in einem schönen grün – weissen Auto, das oben ein blaues Drehlicht hatte.
Wir wurden freundlich (es geschah wirklich alles freundlich! Der Sefi bot uns sogar Tee an während wir auf die Polizei warteten; was wir natürlich nicht annahmen) gebeten ins Auto einzusteigen. Den Polizeiposten kannten wir schon. Und man kannte uns noch. Der Besuch vor 2 Tagen hatte Spuren hinterlassen. Nun gut, der Wachtmeister konnte französisch und so haben wir mit unseren „français federal“ ihm mitgeteilt, dass wir ja beim Wali waren und dort die Auskunft erhalten haben, dass das Fotografieren von Eisenbahnen grundsätzlich erlaubt sei.

Dies glaubte er uns auch, und so waren wir in 10 Minuten wieder draussen.
Auf den Bahnhof sind wir dann nicht mehr gegangen. Wir zogen es vor, mit dem Bus nach Isparta zurückzukehren.
Am nächsten Morgen reisten wir eh nach Afyon ab. Aber das ist eine andere Geschichte.

Teil 3 wird folgen.

Gruss Heinz


Stader Gleisbauer hat sich bedankt!
Brillenhuber  
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