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RE: Ukraine Herbst 1993, Teil 1

#1 von Brillenhuber , 26.11.2016 18:11

Ukraine 1993
1993 führte Stöckli Reisen (eine Firma, die es heute nicht mehr gibt) eine Ukraine Reise durch.
Der Partner von Stöckli war der einheimische Veranstalter Dzherelo.
Die Reise ging von Kiew über Schytomyr - Korosten – Chmelnitzky – Dolina - Wygoda - Waldbahn – Rachov – Tereswa – Waldbahn - Ust Tschorno (Königsfeld)- Lemberg – Kiew.

Karte siehe hier:
https://c2.staticflickr.com/6/5728/31212...7aea6bb5f_b.jpg

Nun, wir flogen nach Kiew und bezogen, nach einem üppigen Nachtessen, den Salonzug.
Dzherelo war damals relativ neu im Geschäft und noch nicht so auf Kommerz aus, wie in den späteren Jahren. Ich habe von den Reiseveranstaltern mitbekommen, dass sie immer teurer wurden. Andererseits konnte ich mich davon überzeugen, dass die Wagen im Zustand immer schlechter wurden.
Nun ja, zuerst mussten wir (wahrscheinlich, weil auch Deutsche dabei waren) in Kiew das Museum des vaterländischen Krieges anschauen.

Nun, nachher bezogen wir den Zug. Und waren erstmal erschlagen.
Der Zug bestand aus sieben Wagen:
Zuerst der Schlafwagen des Personals, dann der Speisewagen in dem die grossen Essen stattfanden, dann folgte der Salon-Speisewagen, der als Aufenthaltsraum durch den Tag diente, dann zwei Schlafwagen für die Passagiere und zum Schluss noch ein Schlaf-Salon Wagen. Wer dort einquartiert wurde, hatte das grosse Los gezogen. Am Salon angrenzend befand sich die „Ernst Wetzel Suite“, wie ich sie nannte, Denn da war der Ernst Wetzel einquartiert, der schon seit Jahrzehnten bei Stöckli Stammgast war. Die Suite hatte ein eigenes WC und Badezimmer. Darauf folgen einige normale Schlafwagenabteile.
Ein Bild des Salons, gegen den Übergang hier:


Der Wagen hatte zusätzlich eine Röhrenbeleuchtung. Die wurde über einen eigenen Umformersatz unter dem Wagen gesteuert. Die „Kleinbeleuchtung“ war normal mit Glühlampen. Erst wenn man die Röhrenbeleuchtung einschaltete, fing der Umformersatz unüberhörbar unter dem Wagen an zu laufen und weckte am Morgen zuverlässig den ganzen Wagen. Und Ernst Wetzel war doch schon früh auf! 

Die Gesellschaft war ziemlich gemischt: Der Grossteil Schweizer, aber auch wenige Deutsche und ein Österreicher. Der Herr Dr. Karl …stein war schon eine Nummer für sich: Der hatte einen extremen Humor. Er erzählte neben den Witzen, die ich später in den Büchern von Salcia Landmann wiederfand, nur noch „schwyzerli Witze“, was doch, unter Berücksichtigung der Zusammensetzung der Gruppe, schon Mut brauchte.
Auch konnte er, wie wir es nennen fadegrad, fadengerade, sein. Wir hatten einen Juristen H. aus Bern dabei, der und dessen Frau sich durchaus für etwas Besseres hielten, und uns das manchmal auch spüren liessen. Nun hatte der Herr Jurist die, bei einer Fotofahrt sehr unbeliebte Eigenart, sich nicht an die Fotolinie zu halten. Sein treues Frauchen stiefelte ihm gerne nach, und, da sie nach dem letzten Journal gekleidet war, fiel sie auf den Bildern durchaus auf.

Nun der Herr …stein hat sie dann seelenruhig gefragt, als bei einem Fotohalt der Zug am zurücksetzen war, und wir auf dem „Feldherrenhügel“ uns in Fotolinie aufstellten: „Sangs mol: Wollens net scho runter gehen?“ Frau H: „Ja, warum sollte ich denn da runtergehen?“ Der Herr ….stein: „Ja wissens, damits den Leiten im Büd stehen!“
Und das natürlich mit einer Stimme, die man ohne weiteres im Umkreis von 50 Metern hörte!
Päng! Das wirkte! Mit diesem einen Satz hatte er das erreicht, was Gespräche nicht erreicht hatten: Sie nahm sich von da an ein wenig zusammen.

Wie gesagt: Herr ….stein war ein Quell von Erheiterung.

Am nächsten Morgen waren wir in Schytomyr, wo wir eine Extra Tram hatten. Da es neblig war, gab es keine guten Fotos. Mir ist in Erinnerung, dass wir mit dem Tram selber fahren durften. Durchaus nicht einfach, auch wenn der Verkehr gering war..



Auf dem Bahnhof dann die Ueberraschung: Die Dampflok P36 050 stand bereit.


Dann gings los, in Richtung Korosten. Hier bei einem Halt und Scheinanfahrt in Horbashi:




Nun muss ich sagen, dass es nach 23 Jahren, nicht einfach ist, zu sagen, wo die Fotos genau aufgenommen wurden. Mit Google Earth, Google Maps, Open Street Map und Open Railway map, habe ich, so gut es ging, den genauen Ort versucht zu bestimmen. Da ich keine Unterlagen der Reise mehr habe, und auch keine Aufzeichnungen, wo wir durchfuhren, habe ich die Bilder nach bestem Wissen und Gewissen verortet. Wenn jemand Berichtigungen angeben kann, dann bin ich ihm dankbar.

Auch Nebelbilder haben mitunter ihren Reiz:





Ein paar Stunden später waren wir in Korosten, wo wir das Depot, mit seiner, eigens für uns angeheizten Rangiermaschine, besuchten.


Wir wurden eine Zeitlang von der Leine gelassen, also freies Ausschwärmen bis..:.., was ich natürlich nutzte um ein wenig in den hinteren Gefilden der Anlage herumzustrolchen. Auf dem „Schrottplatz“ gab es einiges zu sehen.
Dabei stiess ich auf Herrn …..länder, der die gleiche Neigung hatte. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, wie das hierzulande so zuging. Kurz vorher hatte man der Gruppe die Notstromdiesel gezeigt, bei denen das Altöl beim Ölwechsel einfach im Boden, bestehend aus gestampfter Erde, versickern liess. So sah es wenigstens aus. Nun, herr …..länder, damals 70, hat mir dann mitgeteilt, wie in ihm einiges wieder hochkommt. Denn er war schon einmal in der Gegend. Im Krieg kam er in russische Kriegsgefangenschaft. Es war ein eindrückliches Gespräch. Offensichtlich erinnerten ihn die Gerüche der Zigaretten und das Essen wieder sehr an dies Zeit. Er hat dann einige „Anekdoten“ aus der Gefangenenzeit erzählt.
Später hat dann seine Geschichte die berührendste Sequenz, die ich je im Ostblock hatte, ausgelöst.

Ja, etwas haben wir noch gesehen:

Der Herr Stalin auf einem Lokschild! Seit 30 Jahren verfemt hat er auf einem Fabrikschild überlebt. Die Erklärung ist wohl einfach: Offensichtlich mangelte es den Verantwortlichen an den Kenntnissen der lateinischen Schrift, so dass das Geschriebene niemand lesen konnte. Drum sind diese Schilder wohl geblieben.
Bis heute:

wenigstens in meinem Keller 

Die Lok wurde in Korosten auch gewechselt, nämlich in eine SU, Lok 251-86. Mit der zottelten wir die Nebenlinie in Richtung nach Novohrad-Volinsky.




Manchmal kam auch was entgegen:


Dann wurde wieder die Lok gewechselt:

Hier ist nun eine Baureihe L dran.


Nur, wo genau die Bilder gemacht wurden, kann ich beim Besten Willen nicht mehr sagen.

Am nächsten Tag dann schöneres Wetter:


Diesmal mit Baureihe CO, Lok 4371.



Mitreiten lag auch mal drin:

Als ausgebildeter Heizer natürlich auf der Heizerseite! Denn dort spielt ja die Musik!

Die Landschaft ist durchaus reizvoll:






Hier weiss ich wenigstens annähernd, wo wir uns befinden: Nämlich südlich von Khmelnytskyi.
Dort trifft man kurz vor Husyatyn auf diese Brücke über den Zbruch Fluss:

Diese Brücke, die wir fast zu spät erreichten, führt über die alte KuK Österreichisch-Ungarisch – Russische Grenze. Man stelle sich vor: Bei Höchst den Pass zeigen und dann 3 Tage fahren, bis man an die nächste Grenze kam! Für mich besonders eindrucksvoll, weil ich damals in Rorschach, also fast in Sichtweite von Höchst wohnte!

Ja dann war wiedermal Essen, Trinken (also, die Leber hatte auf dieser Reise keine Ferien!), Diskutieren, bis spät in die Nacht und noch ein wenig schlafen. Das Essen war immer sehr gut. Nur vertrug man es nicht immer. Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich die Osteuropäische Küche ohne Durchmarsch vertrug. Andern ging es auch so. Man kann sagen, was man will. Aber ein Gesprächsthema hatte man so immer.

Am nächsten Morgen waren wir dann in Wygoda oder Wyhoda wo der Waldbahn ein Denkmal in Form einer Lokabschussrampe aufgestellt war.


Dort wurde der Diesel auf die Seite gestellt und wir stiegen in die Waldbahn um.


Im Bild übrigens Natascha, die Dolmetscherin und man blickt auf die Kupplungen des Schmalspurzuges.

In Wyhoda war oder ist auch noch ein grosses Sägewerk. Die Bahn wird, dem Vernehmen nach noch heute betrieben, wenn auch der obere Teil, nach einem Hochwasser abgetrennt ist. Die Bahn gehört auch dem Sägewerk und hat, einen beschränkten öffentlichen Verkehr.

Ja nun gab es zwischendurch mal ein paar Fotohältchen:



Nicht immer am günstigsten Ort:


Wie sollen auch Leute, die noch nie einen Fotoapparat besassen, auch wissen, auf was man achten musste. Gotteseidank, nahm man in unserer Gruppe, das mit Humor auf.

Ja, und nun geschahen unheimliche Dinge:
Bei einem dieser Fotohalte stieg ein älterer, einheimischer Herr ein. Er sass ruhig im einzigen Wagen bei uns und sprach zuerst kein Wort, hörte bloss zu.
Plötzlich begann er, auf Ukrainisch, mit uns zu sprechen.


Da Bild zeigt den Herrn mit der Schiebermütze. Er ist gerade im Gespräch mit Rima, der Ärztin. Hinten an der Wand, sieht man einen der 2 Milizionäre und das Kader von Dzherelo.

Nun Natascha dolmetschte brav: Der Herr sagte sinngemäss, dass er uns, wenigstens teilweise verstehe und dass er uns für Deutsche halte. Dann kam er auf den Krieg zu sprechen und sagte, dass er damals, Natascha übersetzte das, in der «freien Ukrainischen Armee», Partisan war.
Tanta Wiki sagt darüber: https://de.wikipedia.org/wiki/Ukrainisch...8;ndische_Armee
dass es die Ukrainische Aufständische Armee war.
Die Ukrainische Aufständische Armee (ukrainisch Українська Повстанська Армія / Ukrajinska Powstanska Armija; kurz UPA, auch als Ukrainische Aufstandsarmee übersetzt) war eine ukrainische Partisanenarmee und der militärische Flügel der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN, Bandera-Fraktion OUN-B). Sie wurde 1942 gegründet und existierte bis etwa 1956. Im Zweiten Weltkrieg bekämpfte sie deutsche Truppen und die polnische „Heimatarmee“ (Armia Krajowa). Nach dem Krieg kämpfte sie weitere fünf Jahre in der Sowjetukraine gegen die Sowjetunion.

Nun, davon hatten wir noch nie was gehört. Es entspann sich dann eine, immer erregter geführte Diskussion, in der sich dann das ganze Dherelo Kader beteiligte. Am Schluss eine Riesendiskussion auf Ukrainisch. Man vergass uns einfach. Es war aber unverkennbar, dass der Herr Land-Partisan mit seiner Meinung und seinen Ansichten der städtisch Gebildeten durchaus Paroli bieten konnte. Irgendwann zog er noch einen alten Ausweis hervor, und dann wurde wieder diskutiert.
Es war auch für nicht ukrainisch sprechende zu spüren, dass die offizielle Geschichte der Heimatarmee nicht mit den Schilderungen des Herrn übereinstimmte.

Kurz und gut: Als Natascha noch dolmetschte haben wir erfahren, dass es eben eine Partisanenarmee war, die von erbeutetem Gut sich bewaffnete. Nach der Schilderung machten sie auch Gefangene, die sie dann in moderner Kriegsführung unterrichten mussten.
Wahrscheinlich gab es dann später irgendwann mal eine Amnestie, denn sonst hätte der Herr nicht seinen Ausweis, auf den er sichtlich stolz war, herzeigen können.
Die Geschichte könnte hier zu Ende sein, dann irgendwann verebbte die Diskussion und auch Natascha fand die deutsche Sprache wieder.
Nun kam der 70 jährige Herr ….länder zu Natascha und bat sie, dass sie dem Herrn übersetzen könne, dass er im Kriege als deutscher Soldat auch in der Ukraine war.
Nun war es mucksmäuschenstill im Wagen. Alle waren gespannt, was geschehen würde. Alle!
Die beiden Herren standen sich gegenüber, schauten sich an, und dann gab der alte Herr Herrn ….länder die Hand, schüttelte sie kräftig und sagte: «Du Kamerad!» Beiden stand dabei das Wasser in den Augen. So eine hochemotionale Situation habe ich nie mehr erlebt.
Allerdings hat Natascha das noch viel emotionaler erlebt: Sie brach sozusagen zusammen. Sie sass auf dem Sitz und schüttelte nur noch den Kopf. Die nächste Zeit war mit ihr nichts mehr anzufangen. Es war für sie absolut unmöglich, dass einer, der gegen die Deutschen gekämpft hat, nun einem Deutschen der hier gekämpft hat, die Hand reicht, und ihm verzeiht.
Und ich glaube, da ist in ihr ein Weltbild zerbrochen.
Auch die andern Dzherelo Leute waren ziemlich still.
Rima, die Ärztin konnte Englisch und hat uns dann später noch das ein- und andere erzählt. Auch, wie der Geschichtsunterricht in der UdSSR war, den sie genossen hatten.
Nun, lassen wir Krieg Krieg und Politik Politik sein. Der Vorfall hatte den Erfolg, dass man abends nicht nur alltägliche Themen behandelte, sondern auch mal einen Geschichtsabend durchführte. Der Salon Schlafwagen eignete sich sehr gut dafür. Es stellte sich heraus, dass wir einige Personen im Zug hatten, die viel zu einer interessanten Diskussion beitragen konnten. Angefangen mit Herrn …länder, und anderen, die die Kriegszeit noch erlebt hatten aber auch Herr …stein entpuppte sich als versierter Kenner der östlichen KuK Monarchie.

Irgendwann kamen wir dann auf eine Lichtung am Fluss. Dort wurde gesessen, getrunken und rangiert:















Das Stämmeverladen wurde gezeigt:


Und man bestaunte die Draisinen:



Am Schluss dieselte man gemütlich, nicht ohne Fotohalte, nach Wyhoda zurück:











Nun, Wo ist die Bahn genau: Aus der Karte ist das nicht so ersichtlich. Ich bin aber im Besitz von Flugkarten von 1945. Aus dieser Gegend ist auch eine Karte. Hier sind die Bahnen eingezeichnet.
Die Bahn von Wyhoda befindet sich hier:

Interessant in diesem Zusammenhang übrigens: Das Gebiet befand sich im Polnisch Tschechoslowakischen Grenzgebiet!

Teil 2 wird folgen.

Gruss Heinz


dlok hat sich bedankt!
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RE: Ukraine Herbst 1993, Teil 1

#2 von Re 465 , 27.11.2016 18:14

Wow sehr schöne Bilder sind da dabei.


Gruß Andreas

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RE: Ukraine Herbst 1993, Teil 1

#3 von Keksfabrik , 20.12.2016 07:43

Vielen Dank für die spannenden Bilder und die Geschichte!


Viele Grüße

. Martin


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RE: Ukraine Herbst 1993, Teil 1

#4 von greg , 20.12.2016 09:24

Danke für diesen tollen Reisebericht!

Grüsse aus der Pfalz

gregor


Herzlich willkommen in C A V E M B O U R G - Eisenbahnperle im Herzen Europas


 
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RE: Ukraine Herbst 1993, Teil 1

#5 von Waldbart , 24.01.2017 11:03

Vielen Dank für den schönen Reisebericht und auch die Fotos von der Waldbahn Wyhoda, welche ja immerhin eine der letzten, noch im regulären Betrieb stehenden Waldbahnen Europas ist.

Viele Grüße,
Tobias


Meine Gartenbahnanlage: Waldbahn Horska Dolina
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p.s.: Auch eingetragen bei: gartenbahnen-in-deutschland.de


 
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