Moin!
Zitat von Railwolf im Beitrag #35
Zitat von Ulf325 im Beitrag #27
die Radien 380/440mm hat man seinerzeit von Piko übernommen
Ich hab den Beitrag von @Bügeleisenmann gelesen...
das erklärt aber nicht, warum in der Grafik von Tillig für den zweitkleinsten Radius 425 mm angegeben ist (und nicht 440 oder 435).
In der Tat, das ist irritierend.
Allerdings gilt es die Historie zu verstehen. Ich schrieb 2020 schon einmal:
Zitat von Bügeleisenmann im Beitrag Pilz - Gleis vs. Tillig Standard Gleis
Moin!
Das alte Pilzgleis basiert auf einem von Prof. Harald Kurz entworfenem Geissystem, welches auch Grundlage des Rasters von Piko war. Pof. Kurz hat damals den 440er Radius als Minimum definiert, auf Wunsch der Industrie und Kunden wurde dann der 380er Radius hinzugefügt. Als Mindesgleisabstand wählte man 50 mm ab den 500er Radius, darunter gab es einen Straßenbahnaufschlag von 10 mm.
So entstanden die Radien
380
440
500
550
600
Als das Elitegleis Ende der 80er entwickelt wurde, waren schon die ersten unverkürzten langen, in 1:87 gehaltenen Schnellzugwagen im Angebot. Diese wären nicht mehr problemlos durch die Pilzgleis-Radien gekommen, weshalb 59 mm als neuer standardisierter Gleisabstand bis runter zum R 1 definiert wurde.
Das Pilzgleis hat zwar ebenfalls 2,5 mm hohe Schienenprofile, die Code100-Profile sind aber sehr grob (Ende der 50er entwickelt), das Kleineisen kommt ohne Unterlegplatte aus und hat überdimensionierte Kleineisen. Für das Elitegleis mit Code83 wurde dann ein neues Schwellenband mit kleineren Kleineisen entwickelt. Die neuen Code83-Profile haben kleinere Schienenfüße, die davon abgeleiteten Code100-Profile ebenfalls. Die neuen Profile klappern im alten Schwellenband, weshalb das Tillig-Standardgleis keine eigenen neuen Schwellenbänder bekam, sondern die vom Elitegleis mit benutzt.
Später mit den Flexgleisen kamen wieder unnötig grobe Kleineisen ins Programm, wohl weil die Kunden mit den ursprünglichen Elitekleineisen überfordert waren. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich fand die alte Geometrie besser, als Epoche-II-Bahner habe ich damals nur 500er Radien und aufwärts benutzt. 50 mm Gleisabstand sehen besser aus als knapp 60 mm beim Elitegleis und liegen deutlich näher an den 46 mm, die z.B. der Fremo benutzt.
Harald Kurz war sehr vorbildorientiert, er schlug schon in den 50ern 0,6er Spurkränze vor, gab noch einen Sicherheitszuschlag und landete dann bei 1 mm. Plus Fertigungstoleranz ist man bei 1,2 mm. Nun, sein Gleissystem hatte er nach einer Längenverkürzung 1:3,75 (nagelt mich jetzt nicht darauf fest, Erinnerung) entworfen. Die Weichen hatten einen 600er Abzweigradius und waren nach dem Herzstück gerade. Das brachte dem Spielbahner viel Verdruß, weshalb der VEB Modellgleis Sebnitz bei der Entwicklung des Elitgleises Ende der 80er auch auf den Markt des NSW (Nichtsozialistisches Währungsgebiet) und seine Bedürfnisse Rücksicht nahm. Mit der Übernahme durch Tillig änderte sich einiges, vermutlich kommen einige "Unsininnigkeiten" aus den geänderten Rahmenbedingungen nach 1990.
Zitat von Railwolf im Beitrag #35
das erklärt aber nicht, warum in der Grafik von Tillig für den zweitkleinsten Radius 425 mm angegeben ist (und nicht 440 oder 435).
Mit 425 zu 380 kommt man nur auf einen Haufen Probleme; 435 hätte 55 mm zum R1 und 55 mm zum R3 gegeben, wie auch die weiter größeren Radien in 55-mm-Schritten gestaffelt sind.
Jetzt kommt der Hinweis auf die Geschichte: Das von Fritz Pilz entwickelte Gleissystem hatte als Zielgruppe den anspruchsvollen Modelleisenbahner. Deshalb die für damalige Verhältnisse große Anzahl von Weichen und der enge Gleisabstand von
380 - 60
440 - 60
500 - 50
550 - 50
600 - 50.
Zwar behaupteten die Kataloge in der DDR die Existenz fertig konfektionierter Gleisstücke, in der Realität gab es das im Laden nicht. Das mag im Westen anders gewesen sein, mir jedenfalls ist in meinem Leben noch kein Gleisstück mit verkupferten Eisenprofilen untergekommen.
Im Grunde war das Pilzgleis immer ein Bausatzsystem, Fertigweichen waren die Ausnahme. Man kaufte Weichenbausätze, Schwellenband und Profile, sofern es die gab. Wesentliche Anteile der Modellbahner nutzten noch nicht einmal die gebogenen Schwellenbänder, man schnitt einfach jeden zweiten Schwellensteg durch und hatte ein Flexgleis. Deshalb hatten die vorgegebenen Radien nicht die Bedeutung, die man heute vermutet.
Bis zur Wende waren vom Elitgleis die neuen Profile, die neuen Schwellenbänder und die Weiche EW1 mit 866er Radius fertig. Das sollte der Mindeststandard werden! Die Weiche mit 484er Radius und der Artikelnummer 85323 ist meines Erachtens ein Ausreißer, der Radius ergibt im Gesamtsystem in der Tat keinen Sinn, es sei denn, man betrachtet ihn als Industriekreis bzw einzeln zu verwendenen Radius auf Nebenbahnen.
Der R2 genannten Bogen mit 425 mm ist schon ein Rückschritt im Vergleich zum Vorgänger 440 mm und stellt nach meiner Meinung den Mindestradius dar.
Zitat von Railwolf im Beitrag #35
Entweder hat bei der Grafik jemand groben Bockmist gebaut (dann aber komplett, denn die Abstände von 65 bzw. 45 mm stehen auch in der Grafik), oder bei der Konzeption der Radien nicht weiter gedacht als sein Mützenschirm.
Wie gesagt, nach meiner Auffassung gehört der R1 nicht in das System, wird aber sicher trotzdem von vielen armen Seelen als Parallelkreis mißbraucht. Geht man aber ein Stück zurück und sieht das Elitegleis als in der Verarbeitung anspruchsvolles Bausatzprodukt mit Flexgleis welches wunderbare Gleisanlagern ermöglicht, dann sind die Fesseln starrer Radien ohnehin bedeutungslos.
Zitat von Railwolf im Beitrag #35
Ein konstanter 55-mm-Abstand zwischen allen Bögen würde eine entsprechende Weichengeometrie nahelegen, aber verschiedene Abstände. Und noch dazu gerade beim engsten merklich unterhalb der NEM-Angaben?
Wir wissen nicht, was sich die Entwickler vor fast 40 Jahren gedacht haben, meine Gedanken habe ich dargelegt. Ich bitte aber noch zu bedeken, daß wir mit zu kurzen Strecken auf der Modellbahn kämpfen. Und ein größerer Gleisabstand verkürzt die Strecken optisch, daher sollte man tunlichst auf der Strecke die Gleise zueinander rücken. Wenn ich mir so manche Anlage ansehe, wo man zwischen den Gleisen überall bequem einen Bahnsteig bekommt, wirkt das schon befremdlich!
Aber zurück zum Profigleis, hier hatten wir einen Gleisabstand von 61,6 (was ein unglücklich krummes Maß ist), bei Roco ebenso (wenn ich mich nicht irre), beim C-Gleis 77,5, beim Elitegleis 59 mm. Beim Fremo ist der Gleisabstand 46 mm und damit exakt auf dem heutigen Vorbildmaß von 4 m. Das preußische Maß von 3,5 m wären gute 40 mm in H0, das ist noch machbar, wenn bei den Dampfloks die Zylinder nicht zu weit rausragen.
Aber 77,5 mm sind beim Vorbild 6,75 m, das ist über Gebühr groß. Es erleichtert den Bau, vergeudet viel Platz (oder erspart dort Landschaftsbau). Aber ich komme vom Thema ab...
Andreas