Schon Anfang der 1950er Jahre wollte die DB eine Universal-lokomotive für Personen- und Güterzüge mit dem Bau der E 10 schaffen. Mit dem konventionellen Wechselstromantrieb war dies jedoch damals noch nicht möglich, was zur Aufspaltung in Schnellzuglokomotive (E10) und Güterzuglokomotive (E40/E50) führte. Die Aussicht auf eine universell einsetzbare Lokomotive führte 1976 zum Entwicklungsauftrag für die Ellok der Baureihe 120. Im Laufe der Planung stellte sich dann die Frage: Bo’Bo’ oder Co’Co’. Mit beiden Antriebsarten hatte man genügend Erfahrungen gesammelt. Bo’Bo’ gehörte zum Standard und Co’Co’ hatte mit den Baureihen E03 und E50 ihre Alltagstauglichkeit bei schnellfahrenden Personenzügen einerseits und schweren Güterzügen andererseits bewiesen. Mehrachsige Antriebsgetelle galten i.d.R. als "Schienenkiller". Der Entwicklungsausschuß fragte sich daher welche Strecken bzw. Gleisabschnitte die "Killer"-Kriterien erfüllen und ob denn diese Strecken überhaupt im Einsatzbereich liegen. Genaue Werte sollten spätere Versuche zeigen. Daher wurde geplant zunächst eine Bo’Bo’-Lok mit Drehstrom-Antrieb zu bauen und später, zu Vergleichsfahrten, eine Co’Co’-Lok. Beide Loks sollten modular aufgebaut sein, idealerweise so, daß nur die Antriebsdrehgestelle getrauscht werden brauchten.
In der weiteren Entwicklung zeigte sich, daß die (getacktete) Drehstromtechnologie die in sie gesetzten Erwartungen nicht nur erfüllte sondern übertraf. Anfahrten mit schweren Güterzügen, durchgeführt im Spessart und im Frankenwald, wurden bei allen vorkommenden Wetterbedingungen problemlos gemeistert. Vergleichsfahrten mit Co’Co’-Maschinen (E50) wurden im weiteren Verlauf der Entwicklung eingestellt und der Fokus auf die Zuverlässigkeit der neuentwickelten Thyristoren - für die Steuerung - gelegt. Der von der DB geplante Bau einer Co’Co’ angetriebenen BR120 wurde daraufhin verworfen.
Da ich selber anläßlich der Lastprobefahrten der BR120, Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre, im Spessart viele Male am Bahndamm im Dreieck (Würzburg -) Gemünden - Hanau - Schlüchtern gestanden hatte, steckte mir der Bau einer 6-achsigen BR120 all die Jahre in der Nase.
(Strecke der Lastprobefahrten der BR120 im Spessart)
Jetzt als Rentner konnte ich mir endlich den Wunsch erfüllen. Als Versuchsträger habe ich die Lok als BR 120.9 in den Lokomotiv-Pool eingereiht. Anders wie gewohnt bei meinen bisherigen Bauberichten zäume ich das Pferd diesmal andersherum auf und fange mit dem "fertigen Modell" an, da i.d.R. viele "Modell-Seher" diese Seiten betrachten und weniger "Modell-Bauer". Für die "Bauer" kann ich gerne - bei Bedarf - das (zu neu-deutsch) Määking-Off beifügen.
Hier nun die 6-achsige BR120.9 ...
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eine interessante Geschichte! Da spitz ich doch gleich die Ohren. Ist sie real? Gibt's darüber Unterlagen, Zeichnungen mit Maßen für die Drehgestelle und Berichte? Was versprach man sich von einer 6-achsigen Variante? Mehr Anzugskraft? Vieviel PS mehr sollte sie gegenüber der vierachsigen Variante leisten?
Im Nachbarfaden "BR103 Türkis und andere" wurde mal aufgezeigt, daß die BR 120 auch als 4-achsiger Triebkopf angedacht wurde. Hätte man tatsächlich nun eine sechsachsige BR 120 gebaut, modular, so hätte sich natürlich für einen Triebkopf es sich auch wunderbar angeboten, die Drehgestelle von Bo’Bo’ auf Co’Co’ umzustellen oder umgekehrt, je nach Strecke und Bedarf. Oder eine Mischung Bo'Co' oder umgekehrt. Eine 5-achsige BR 120 hätte es bestimmt dann auch gegeben. Vor meinen Augen schweben schon wieder zig Varianten hin und her.
Zitat von floete100 im Beitrag #2Einspruch, Euer Ehren ! Als 120.9 müsste die Lok 120 903 heißen ...
Moin Rainer, für die Versuchs-Baureihe habe ich lediglich erst einmal für meinen Pool die Untergruppe 120.9 eröffnet (fiktiv), aber noch keine direkte Betriebs-Nummer festgelegt. Die Betriebsnummer ist auch nicht im Text erwähnt, was man sieht ist die Nummer auf einem Gehäuse, das für eine andere Lok festbestimmt war.
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Zitat von Lokpfeife im Beitrag #3Ist sie real? Gibt's darüber Unterlagen, Zeichnungen mit Maßen für die Drehgestelle und Berichte? Was versprach man sich von einer 6-achsigen Variante? Mehr Anzugskraft? Vieviel PS mehr sollte sie gegenüber der vierachsigen Variante leisten?
Moin Thorsten. Nein, Unterlagen gibt es zu der Lok nicht, weder Zeichnungen noch offizelle Berichte. Vielleicht in Protokollen oder privaten Aufzeichnungen von an den Planungsgesprächen anwesenden Technikern. Fakt ist jedoch, daß das Thema 6-achsige E120 auf dem Tisch war. Grund war, man hatte noch keine ausreichenden Erfahrungen im Verhalten mit Drehstromantrieben im schwerem Güterverkehr. Man wollte die ersten Last-Anfahrversuche mit Drehstrom (mit Thyristor-Steuerung) abwarten, dann weitere Vergleiche zu Wechselstrom E50er Loks anstellen, die lediglich das Anfahrverhalten betrafen (Sommer, Winter, trocken, naß, vereist, etc.). Da die neue Technik aber "nicht klein zu kriegen war" unterblieben alle weiteren Vergleiche. So "starb" dann auch die 6-achsige Variante bei der DB.
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Zitat von blauer klaus im Beitrag #6Man wollte die ersten Last-Anfahrversuche mit Drehstrom (mit Thyristor-Steuerung) abwarten, dann weitere Vergleiche zu Wechselstrom E50er Loks anstellen. Die lediglich das Anfahrverhalten betrafen (Sommer, Winter, trocken, naß, vereist, etc.). Da die neue Technik "nicht klein zu kriegen war" unterblieben alle weiteren Vergleiche. So "starb" dann auch die 6-achsige Variante.
... sie starb nicht ganz, bzw. ist Jahre später wieder auferstanden: Als Reihe EG der Dänischen Staatsbahn ... hier war die Umsetzung der hohen Zugkräfte auf den Rampen zu den grossen Brücken massgeblich. Das Problem bei einer Drehstromlok ist nicht die Leistung, die ist mehr als genug vorhanden, das Problem ist eher, wie diese auf die Schiene gebracht werden kann - und das geht im Extremfall nur duech mehr Gewicht. Auch die schwedische IORE ist im Prinzip ein Sechsachser, halt zwei gekuppelt und mit Ballast aufgelastet.
Zitat von blauer klaus im Beitrag #6 Moin Thorsten. Nein, Unterlagen gibt es zu der Lok nicht, weder Zeichnungen noch offizelle Berichte. Vielleicht in inoffiziellen Protokollen oder privaten Aufzeichnungen von an den Planungsgesprächen anwesenden Technikern. Fakt ist jedoch, daß das Thema 6-achsige E120 auf dem Tisch war. Grund war, man hatte noch keine ausreichenden Erfahrungen im Verhalten mit Drehstromantrieben im schwerem Güterverkehr. Man wollte die ersten Last-Anfahrversuche mit Drehstrom (mit Thyristor-Steuerung) abwarten, dann weitere Vergleiche zu Wechselstrom E50er Loks anstellen. Die lediglich das Anfahrverhalten betrafen (Sommer, Winter, trocken, naß, vereist, etc.). Da die neue Technik "nicht klein zu kriegen war" unterblieben alle weiteren Vergleiche. So "starb" dann auch die 6-achsige Variante.
Trotzdem ein Projekt, was ich mir merken werde. Mit dem Projekt "Erprobungsträger Fahrzeug" sollten ja ähnliche Versuche auf modularer Basis durchgeführt werden, einmal mit zweiachsigen Drehgestellen und dann mit dreichsigen Drehgestellen. Das Projekt versandete dann auch wieder.