Die Anfänge – Von der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn zum Großbahnhof
Die Geschichte des Anhalter Bahnhofs beginnt schon 1841, als die Berlin–Anhaltische Eisenbahngesellschaft ihren ersten Bahnhof zwischen dem Halleschen Tor und dem Potsdamer Tor eröffnete. Der damals kleine Bahnhof diente als Ausgangspunkt der Verbindung nach Dessau und weiter nach Köthen und Anhalt. In der Anfangszeit reichte die Anlage vollkommen aus – doch mit dem rasch wachsenden Eisenbahnverkehr und dem wirtschaftlichen Aufschwung des Berliner Raumes stieß sie bald an ihre Grenzen.
Bereits Mitte der 1850er Jahre war klar, dass der Bahnhofsbereich viel zu klein geworden war. Die Zahl der Züge stieg stetig, Güter- und Personenverkehr teilten sich die gleichen Zufahrtsgleise, und die zunehmende Bebauung im Umfeld ließ eine Erweiterung kaum noch zu. Es entstanden provisorische Abstellgleise, kleine Lokschuppen und Güterschuppen – doch das reichte nicht mehr.
Ab den 1870er Jahren begann die Berlin–Anhaltische Eisenbahngesellschaft mit konkreten Planungen für einen vollständigen Neubau, der die bestehenden Anlagen ersetzen sollte. Ziel war ein leistungsfähiger, zukunftsorientierter Bahnhof, der sowohl den steigenden Anforderungen des Fernverkehrs als auch denen des städtischen Nahverkehrs gerecht wurde.
Der Neubau 1875–1880 – Architektur und Funktion in Harmonie
1875 fiel der Startschuss für den Neubau des Anhalter Bahnhofs. Der Architekt Franz Heinrich Schwechten erhielt den Auftrag, ein repräsentatives und gleichzeitig hochmodernes Bahnhofsgebäude zu errichten. Der Bahnhof sollte nicht nur ein Verkehrsbauwerk, sondern auch ein architektonisches Wahrzeichen des Deutschen Kaiserreichs werden – eine Art „Eisenbahnpalast“, der die Bedeutung Berlins als Verkehrszentrum widerspiegelte.
Die Bahnhofshalle war ein technisches Meisterwerk: rund 170 Meter lang, 62 Meter breit und über 34 Meter hoch. Das Dach bestand aus einer gigantischen Eisenkonstruktion, die damals als eine der größten freitragenden Hallen Europas galt. Durch die großflächige Verglasung war der Innenraum lichtdurchflutet und schuf eine beeindruckende Atmosphäre für Reisende.
Das Empfangsgebäude zum Askanischen Platz hin wurde mit reicher Terrakotta-Verzierung und großen Rundbögen gestaltet. Neben den Wartesälen befanden sich dort auch elegante Aufenthaltsräume, ein Fürsten- und ein Kaiserzimmer sowie repräsentative Säle für besondere Anlässe.
Die Gleisanlagen selbst lagen auf einem Viadukt rund vier Meter über dem Straßenniveau, um Kreuzungen mit dem städtischen Straßenverkehr zu vermeiden. Unter den Viaduktbögen entstanden Lagerräume, Laderampen und Durchfahrten – ein Beispiel früher, effizienter Stadtraumnutzung.
Technische Infrastruktur und Betriebsanlagen
Hinter der repräsentativen Halle erstreckte sich ein weitläufiges Gleisfeld mit mehreren Bahnsteiggleisen, Abstell- und Umsetzgruppen. Südlich schlossen sich die umfangreichen Betriebsanlagen an: Lokschuppen, Bekohlung, Wasserstationen, Werkstätten und Reinigungsanlagen.
Die Zugloks der Personenzüge fuhren nach dem Abkuppeln in das Bahnbetriebswerk 1 zur Restauration. Hier erfolgten Bekohlung, Wasserversorgung, Sanden und die Überprüfung der Technik. Die Wagen wurden währenddessen zur Wagenreinigung im Bereich der Kolonnenbrücke gebracht, wo sie innen und außen gereinigt, die Bremsen geprüft und für den nächsten Umlauf vorbereitet wurden.
Güterzüge wurden getrennt behandelt: Nach der Einfahrt in die südlichen Güteranlagen wurde die Güterzuglok abgekuppelt und ins Bahnbetriebswerk 2 überführt. Die Wagen gelangten in die Abstell- und Ladegruppen, wo sie sortiert, entladen oder für den Weitertransport neu zusammengestellt wurden.
Das gesamte Areal war ein präzise abgestimmtes System – Stellwerke, Rangiermeister, Lokführer und Dienstleiter arbeiteten Hand in Hand. Die Betriebsdichte war enorm, insbesondere in den Spitzenzeiten des Reiseverkehrs.
mit freundlichen Gruss
Thommy



