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RE: Das beste Modell der Baureihe 143: Ein Testbericht

 von Viet Bui , 16.01.2018 18:52

Neben meinen Umbauten, die ihr in meinem Umbaufaden findet, schreibe ich ab und zu auch Testberichte über verschiedene Modelle. Im Gegensatz zu Modellbahn-Zeitschriften bin ich nicht von Werbeanzeigen der Hersteller abhängig, so dass ich keine Rücksicht auf Befindlichkeiten nehmen muss.

Im Jahr 2015 stellte der österreichische Hersteller Roco ein grundlegend überarbeitetes Modell der Baureihe 143 vor. Das ist für mich Grund genug, um über dieses Modell einen umfassenden Testbericht zu schreiben. Da es sich um eine Neukonstruktion mit Übernahme älterer Formen handelt, beschränkt sich der Bericht hauptsächlich auf Neuerungen und auf die Fahreigenschaften. Der Testbericht behandelt konkret das Modell mit der Artikelnummer 73320. Der Testbericht lässt sich aber auch auf das Schwestermodell der Baureihe 114 (Artikelnummer 73324) übertragen, dieses dürfte bis auf das Dach und auf die Schlingerdämpfer im Modell gleich sein.


Die Formtrennkante ist der größte Kritikpunkt des ansonsten hervorragenden Modells.

Vorbildinformationen
Ende der 70er-Jahre bestand bei der Deutschen Reichsbahn (DR) ein Mangel an
modernen Elektrolokomotiven für den Personenzugverkehr und den mittelschweren
Güterzugverkehr. Nach einer mehrjährigen Entwicklungs- und Erprobungsphase
wurde diese Baureihe ab 1984 in Serie gefertigt. Ihre für heutige Verhältnisse
geringe Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h lag am maroden Netz der DR, das
überhaupt keine höheren Geschwindigkeiten zuließ. Durch die Änderung der
Getriebeübersetzung konnte so die Zugkraft zulasten der Höchstgeschwindigkeit
geändert werden. Nach der Wende gelangten viele der über 600 gebauten
Maschinen in die alten Bundesländer, wo sie vornehmlich Züge des Nahverkehrs
bespannten. Die Baureihe 143 wurde DB Regio AG zugeschlagen und prägten so
das Bild des Nahverkehrs. In jüngerer Vergangenheit ist die Baureihe 143 durch
Ausschreibungsverluste, ihren technischen Unzulänglichkeiten
(z.B. Höchstgeschwindigkeit, mangelnde Rückspeisung der Bremsenergie und hoher Instandhaltungsaufwand)
und durch neuere Eisenbahnfahrzeuge in Bedrängnis geraten und wird daher bevorzugt
ausgemustert. Einige Maschinen finden sich vor allem bei privaten Unternehmen im
Güterzugverkehr wieder.


Die Baureihe 143 war unter anderem auf Deutschlands einziger Gebirgsbahn zu Hause. (Bild: Andreas Hackenjos)


Optik
„Alter Wein in neuen Schläuchen“ – so könnte man das Modell gut beschreiben. Bei
diesem Modell handelt es sich „lediglich“ um eine Neukonstruktion, bei der das
Gehäuse unverändert blieb. Mit ihr auch die Schwächen, die durch Formtrennkanten
besonders sichtbar sind, die besonders an der Front auffallen. Mit der hohen Betriebsnummer (973)
hat Roco sich ein Vorbild mit strömungsoptimierter Kopfform ausgesucht. Bis auf die
Formtrennkanten ist die Form des Modells gelungen, sie trifft die Proportionen sehr
gut. Das Modell wirkt präzise gefertigt, so sind die Spaltmaße sehr gering
ausgefallen. Das Gehäuse aus Kunststoff ist stabil und fest.
Wie immer beginne ich mit dem Dach, das im Anlagenbetrieb wohl zuerst den
neugierigen Blicken des Modelleisenbahners standhalten muss. Das Dach ist hoch
detailliert, neben den Roco-typisch feinen Stromabnehmern sind alle Elemente
freistehend, die Isolatoren samt Dachleitungen sind angesetzt, das gilt auch für die
Gitter, die zusätzlich durchbrochen sind. Die Lüftergitter an den Dachschrägen sind
graviert.


Das Dach ist hoch detailliert und bietet viele freistehende Teile auf. Die Schiebedächer sind in der Form integriert.

Die Front hat Roco gut getroffen. Das Stirnfenster ist genauso wie die Regenrinne
bedruckt, die geätzten Scheibenwischer sorgen für einen hochwertigen Eindruck. Die
UIC-Dosen sind ebenfalls angesetzt und geben das Vorbild perfekt wieder;
keinesfalls sind das formlose Klumpen. Die erhabenen Lampenringe fehlen genauso
wenig wie die Halterungen für die Zugschlussscheiben. Die Rangiertritte sind geätzt
und durchbrochen. Wie bei Roco üblich sind alle Griffe als Zurüstteile angesetzt. Die
Pufferbohle lässt sich für die Vitrine vollständig zurüsten, in diesem Zustand zeigt die
Pufferbohle nicht nur den Zughaken samt den vier Luftleitungen, sondern auch die
Anschlüsse für die elektrische Zugheizung und für die konventionelle
Wendezugsteuerung.


Für meinen Geschmack ist die Ruhelage der Stromabnehmer zu hoch, außerdem federn sie auch zu hoch.

Das Modell besitzt eine Zugzielanzeige, die „S2 Heidenau“ anzeigt; bedauerlicherweise
ist die Zugzielanzeige nicht beleuchtet.
Auch die Seiten der Lok sind gelungen: Alle 13 Sicken der Baureihe 143 wurden im
Modell umgesetzt.
Analog zur Form hat Roco nichts an den Drehgestellblenden geändert, die auch
heute durch ihre sehr guten Gravierungen noch zeitgemäß sind. Alle wesentlichen
Elemente wurden nachgebildet. Ein freier Durchblick durch das Drehgestell ist durch
die Konstruktion des Antriebsstrangs mit tiefliegendem Drehzapfen nicht möglich.
Erstmals weist das Modell der Baureihe 143 eine Kurzkupplungskulisse (KKK) auf,
so dass ein engeres Kuppeln im Vergleich zur alten Konstruktion
(Kupplungsaufnahme am Drehgestell) möglich ist.
Leider bleiben die Schienenräumer weiterhin am Drehgestell befestigt.


Kein Griff, keine Dose und keine Leitung fehlt.

Die Bedruckung ist deckend, scharf und ohne Fehler; eigentlich ist sollte das eine
Selbstverständlichkeit sein, die keiner Erwähnung bedarf, allerdings haben mich
Produkte eines anderen Herstellers eines Besseren belehrt. Die Innenseiten
der Fensterrahmen hätten auch bedruckt werden können.
Leider sind die Spurkränze des Modells sehr hoch geraten, für eine bessere Optik
hätten diese auch niedriger ausfallen können.

Technik und Ausstattung
Zieht man die vier Puffer ab, so kann man das Gehäuse entfernen und
erhält einen Blick auf das Innenleben des Modells.
Die Platine ist ordentlich, erreicht aber bei Weitem nicht das Niveau von Piko. Das
Modell verfügt über eine plux-22- Schnittstelle und eine Aussparung zur Aufnahme
eines elektrischen Kondensators zur Pufferung von Stromunterbrechungen. Auf der
Platine finden sich auch die beiden LED zur Beleuchtung des Führerstands. Auf eine
beleuchtete Zugzielanzeige (wie bei Pikos Modell) muss verzichtet werden. Die
Beleuchtung erfolgt nicht mehr durch Glühbirnen, sondern durch LED, die auf einer
separaten Platine aufgelötet sind, so dass keine Lichtleiterkonstruktionen notwendig
sind.
Das Modell besitzt keine dedizierte Vorbereitung für eine Aufnahme eines Lautsprechers.


Die Platine nimmt nicht nur einen plux-22-Decoder auf, sondern auch einen kleinen Pufferkondensator auf. 470 μF 25V (im Bild)
sind zu groß.



Die LED sitzen direkt hinter den Lampeneinsätzen.

Fahreigenschaften
Das Fahrgestell von Roco ist wie immer massiv ausgeführt, so dass das Modell 493 g
auf die Waage bringt. In Verbindung mit den Haftreifen ist so eine hohe Zugkraft
gegeben, schließlich ist das Vorbild über 20 Jahre lang auf Deutschlands steilster
Hauptbahn heimisch gewesen. Es muss allerdings kritisiert werden, dass die
Haftreifen nicht diagonal auf zwei Drehgestellen angeordnet sind, stattdessen
wurden beide Haftreifen auf einem Radsatz angeordnet.
Der Antrieb erfolgt über einen fünfpoligen Motor auf allen Radsätzen. Eine
Schwungmasse soll mit ihrer Massenträgheit für kultivierte Fahreigenschaften sorgen.
Die Fahreigenschaften des Modells wurden analog überprüft, da ein Digitaldecoder
das Ergebnis verfälschen würde. Wie immer zeigt das Modell hervorragende
Fahreigenschaften. Der Antrieb und das Getriebe sind lautlos und werden stets durch
das Rollgeräusch überdeckt. Das Modell glänzt durch ein sauberes Fahren auch mit
minimaler Gleisspannung.


Die Drehgestellblende ist fein graviert und auch nach über 20 Jahren wirkt es zeitgemäß. Sie verdeckt allerdings den massiven Getriebeblock nicht. Die Stromabnehmer liegen auf den Spurkränzen auf.

Fazit
Rocos Modellpflege ist absolut gelungen. Mit sinnvollen Verbesserungen, wie der
LED-Beleuchtung, der Kurzkupplungskulisse oder der plux-22- Schnittstelle kann
Roco im Wettbewerb um die beste BR 143 im Modell bestehen. Einzig und alleine
die Formtrennkanten bieten Grund zur Kritik.
Gerne wird das Piko-Modell mit dem Roco-Modell verglichen: Durch ihre neuere Konstruktion kann Piko vor allem bei Ätzteilen, Stromabnehmern und Drehgestellblenden besser abschneiden, außerdem ist die Zugzielanzeige beleuchtet, Roco hat hingegen angesetzte Scheibenwischer und ein höheres Gewicht überzeugen.

Ich hoffe, dass der Testbericht lesenswert war und Euch ggf. bei der Kaufentscheidung weiterhelfen konnte; schließlich kündigt Roco in seinem Neuheitenkatalog 2018 eine orientrote Variante der Baureihe 143 an.
Ich bin auf Eure Meinungen gespannt.

Grüße aus dem regnerischen Feinstaubkessel,
Viet


Die Schwarzwaldbahn: Eine andere Umsetzung
Mein Bericht rund um die Schwarzwaldbahn im Vorbild und Modell.

Die Stuttgart-21-Werbelok und ein neuer Steuerwagen:
Viets Umbaufaden.

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Viet Bui
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