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RE: Viessmann HO Niederbordwagen mit Antrieb, gelb (Art.-Nr. 2316)

 von etr , 18.11.2018 15:50

Liebe Freunde von Kleinst-Lokomotiven

Diese Woche hat mir mein Fachhändler ein höchst interessantes Gefährt geliefert, das ich vor langer, langer Zeit bestellt hatte: einen Niederbordwagen für das 3L-System, der sehr diskret und qualitativ hochstehend motorisiert ist. In der Modellbahner-Szene wird so ein Ding als "Geisterwagen" bezeichnet. Damit kann man Kleinst-Triebfahrzeuge, die im Modell keinen Platz für den Antrieb aufweisen, zum Leben erwecken.

Mit der heutigen Technik ist zwar grundsätzlich schon sehr Vieles möglich, und Industriemodelle kleinster Triebfahrzeuge gibt es immer mehr. Deren Umbau auf System Märklin überfordert aber selbst mich als sehr erfahrenen Umbauer, weil unter dem Getriebeboden der Platz für den systembedingten Märklin-Schleifer einfach zu knapp ist. Vom grenzwertigen Gewicht ganz zu schweigen, das einen allenfalls theoretisch Platz findenden AC-Schleifer nicht genügend stark auf den Mittelleiter drückt, als dass ein zuverlässiger Fahrbetrieb möglich wäre. Ich hatte mir in den letzten Jahren bei preisgünstigen Angeboten ein paar solcher Traktoren angeschafft - mit der Worst-case-Perspektive, dass es halt nur Standmodelle sind. Es ging mir aber auch um den Challenge, den Umbau vielleicht doch einmal zu schaffen - bislang ohne Erfolg.


So ein Wagen, angehängt an ein kleines Triebfarzeug, wirkt "unverdächtig", weil solche Traktoren o.ä. meist im Bauzugbetrieb eingesetzt werden. Zudem ist die Motorisierung sehr diskret eingebaut. Mechanik und Elektronik vom Feinsten. Hier sind echte Profis am Werk. Wohl hat's unten am Wagen einen Bauch, aber das könnte ja auch ein Werkzeugkasten sein ...


Der Geisterwagen ist mit einem sehr dünn gebauten Mittelschleifer ausgerüstet, der auch den Einsatz auf Märklin-Gleisen ermöglicht. Nach dem Auspacken ging aber erst mal fast nichts. Deutete auf Kontaktschwierigkeiten gröbster Art hin. Schnell kam ich auf die Idee, die beiden Schleiferteile sorgfältig Richtung Gleis zu biegen - und siehe da, das wundersame Gefährt zeigt seither seine Qualitäten. Die Langsamfahreigenschaften sind ausgezeichnet, die Kontaktsicherheit lässt seit meinem Eingriff auch keine Wünsche mehr offen. Dabei hilft eine "kluge" Elektronik, stromlose Abschnitte unmerklich zu überbrücken. Das Modell hat keine Haftreifen, was bei 2 Achsen sicherlich der Kontaktsicherheit geschuldet ist. Für den vorbildgerechten Einsatz reicht die Zugkraft m.E. bestens aus, zumal viel schweres Metall verbaut ist. Kompliment an Viessmann.


Der AC-Schleifer kommt extrem dünn daher und bietet guten Kontakt. Es hat auf beiden Seiten so ein Teil. Die im Bild sichtbare Antriebseinheit ist laut Gebrauchsanleitung für Nicht-Profis nicht zum Öffnen gedacht. Es hat sogar Gefahrenhinweise auf Stromschlag. Also besser die Finger davon lassen. Der in der Antriebseinheit integrierte Dekoder kann nicht ausgetauscht werden, gibt aber m.E. zu keiner Beanstandung Anlass.

Der Geisterwagen wird nur inkl. Sound geliefert. Eingestellt ist realistisch klingender Diesel-Sound, der aber auch auf Dampflok umgestellt werden kann. Der Motor-Sound funktioniert auch im Analogbetrieb, wie ich ihn noch immer pflege. Weitere Funktionen gibt es, ich habe sie aber nicht getestet. Ich bin nicht so der Loksound-Freak. Als Besonderheit für dieses Spezialmodell ist's jedoch auch für mich ein hübsches Feature.

Damit beim Abbremsen und Anhalten in AC analog alles reibungslos bzw. kompatibel zum Sound funktioniert, musste ich auf meinem für solche und ähnliche Fälle bereit stehenden Programmiergleis CV 56 von 180 auf 182 raufsetzen. Eine kleine Änderung mit grosser Wirkung. Zuvor stellte beim vollständigen Anhalten der Motorensound sogleich abrupt ab. Jetzt hält der Geisterwagen, während der Motorensound in den Leerlaufmodus geht.

Um die oben erwähnten Traktoren etc. im 3L-System zum Leben zu erwecken, habe ich nun ihren Antrieb reversibel ausgebaut, d.h. sie könn(t)en problemlos in den Ursprungszustand zurückversetzt werden. Es sind niedliche kleine Fahrzeuge, die das Kind im Manne zum Strahlen bringen ... Ich habe schon lange geduldig auf diese Möglichkeit gewartet - seit der Bestellung des Geisterwagens sind in der Tat Jahre verflossen. Das Warten hat sich gelohnt.

Beispiele von Winzlingen, die mit dem "Geisterwagen" von Viessmann nun auch bei mir den Fahrbetrieb aufnehmen konnten:


Am meisten Herzblut steckt bei mir sicherlich im Tm I der SBB. Ein mittlerweile verstorbener Freund hatte dieses hübsche Lökchen mal selbst als Standmodell gebaut. Nach seinem Tod haben es die Eltern mir geschenkt. Ich halte diesen Winzling seither in hohen Ehren. Dass ich eine besondere Beziehung zum Tm I habe, hängt damit zusammen, dass ich am Bahnhof meines Wohnortes als Kind in den 1970er Jahren regelmässig ein solches Fahrzeug bewundern durfte. Ich gestehe an dieser Stelle: Ich bin verbotenerweise gelegentlich auf den Traktor raufgeklettert. So viel "kriminelle Energie" kann die Liebe zur Eisenbahn entfachen.

(Übrigens: Als junger Erwachsener wagte ich es dann nicht mehr, auf dem (eingezäunten) Fabrikgelände der damals noch existierenden SLM Winterthur die stirnseitige Plattform einer dort im Freien abgestellten Ae 6/8 der BLS zu besteigen - so sehr mich das gereizt hätte. Und dies, obschon mein Bruder versprochen hatte, im Falle einer Anzeige oder Verhaftung ein gutes Wort für mich einzulegen bzw. glaubhaft zu bestätigen, dass ich unheilbar mit dem Eisenbahn-Virus infiziert sei und keinerlei böse Absichten hätte ...)

Nun aber zurück zum Thema Kleinstfahrzeuge auf Märklin-Schienen - Viessmann sei Dank:


Der hübsche Tm II von Bemo. In HO seit langem nicht mehr erhältlich. Ich hatte ihn mal günstig auf Ebay gekauft und mir gleich beim Hersteller als Ersatzteil einen zusätzlichen Getriebeboden beschafft, falls es zu irreversiblen Eingriffen am Fahrzeug ohne gelungenen AC-Umbau kommen sollte. Den Umbau habe ich dann doch nie gewagt. Jetzt wird meine Geduld mit einem indirekt fahrtüchtigen Tm II belohnt. Ebenso mein Realitätssinn, was ich fertig bringe und was nicht ...


Am Tm II sieht man noch ein kleines Problem, das beim Geisterwagen-Einsatz auftreten kann: Es hat an einigen Industriemodellen kleinster Traktoren nur einen extrem zierlichen Kupplungshaken. Am NEM-Schacht des Viessmann-Modells kann man natürlich eine Bügelkupplung montieren, doch bei geschobenem Traktor hängt der Kupplungsbügel in Kurven oft aus, und es kommt zu Entgleisungen. Fixiert man den Kupplungsbügel an der restlichen Kupplung (Kleben oder allenfalls Biegen), sodass er sich nicht mehr anheben kann, ist das Problem gelöst.


Bevor ich von der Schweiz ins benachbarte Ausland wechsle, noch der Robel der BLS von Kibri. Die Anschaffung des mittlerweile von Märklin erhältlichen motorisierten Modells kann ich mir damit ersparen. Der Geisterwagen ist viel universeller einsetzbar ... Für den entgleisungssicheren Einsatz des Robel im geschobenen Betrieb müssen unbedingt erst die untauglichen Plastik-Radsätze durch 9-mm-Radsätze von Roco ersetzt werden. Auf guten Lauf achten, evtl. etwas ölen und/oder Achslager sorgfältig etwas nach aussen biegen.


Auch ein ganz hübsches Lökchen ist die Draisine DU-65 der SNCF, die als hervorragend detailliertes Modell mit Uhrmacher-Mechanik von REE Models erschienen ist. Als auch SNCF-Fan konnte ich nicht widerstehen, als diese Draisine mal bei einem französischen Fachgeschäft günstig verschleudert wurde. Auch hier wäre ein AC-Umbau angedacht gewesen, aber ich musste Forfait geben bzw. brachte es nicht übers Herz, dieses wunderschöne Modell am Basteltisch zu verunstalten.


Und dann haben wir noch den Breuer-Traktor von Rivarossi, den mein hiesiger Fachhändler mal für sagenhafte CHF 49.- angeboten hatte. Im HAG-Forum gibt's einige Berichte von Tüftlern, die sich bei einem solchen Modell in Schweizer Ausführung mal am AC-Umbau versucht haben. M.W. bislang nur mit einigen Teilerfolgen ... Jetzt gibt's eine zweckmässige Alternative.

Fazit: Viessmann ist ein grosser Wurf gelungen, der v.a. im Märklin-System Vieles möglich macht, was bisher auch für recht versierte AC-Umbauer wie mich undenkbar war. Er ist den offiziellen Verkaufspreis von hierzulande knapp 300 CHF mehr als Wert, v.a. auch dank des flexiblen Einsatzes wie in obigen Bildern belegt. Viel Spass mit den kleinen technischen Wunderwerk wünscht euch

ETR

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