Die Wilde Dreizehn

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bahngarfield
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Die Wilde Dreizehn

#1

Beitrag von bahngarfield » Di 6. Aug 2013, 15:02

Die Wilde Dreizehn



Hallo zusammen!


Wir kennen sie alle, die 03.10, die kleine Schwester der Stromlinien 01.10 und Vorbild der Märklin-3089 und 3094. Eine Type mit höchst interessanter Geschichte, über die sich vortrefflich streiten lässt: Einerseits zusammen mit der 01.0 und der 05 ungekrönte Europameisterin im Dampfloklanglauf, andererseits - wie Gerhard Moll schreibt - "Alptraum aller Beteiligten vom Lokheizer bis zum Werkdirektor". Wie kann es zu derart unterschiedlichen Bewertungsschattierungen innerhalb der Historie ein und derselben Baureihe kommen?

Auf die Epoche II-Ära der 03.10, in der sie mit Nürnberg – Linz den längsten Durchlauf der Reichsbahn fuhr, ist ja an anderer Stelle schon eingegangen worden; ebenso über ihre frühe Bundesbahnzeit und ihre – frei nach Picasso - "blaue Periode". Heute soll es um die Zeit danach gehen; die Epoche, in der die 03.10 vornehmlich vom BW Hagen-Eckesey aus neubekesselt durch die Lande rollten.


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Die Rokal-TT-03.10 war jahrzehntelang das einzige Großserienmodell einer entstromten Dreizylinder-03. Diese Abbildung zeigt einen digital nachbearbeiteten Katalogscan, wobei ich Klagen wegen Bildcopyrightrechten aus dem Hause Rokal wegen dessen Nichtexistenz eher gelassen entgegensehe.


Eigenartigerweise hat die Modellbahnindustrie zur Nachkriegs-03.10 anscheinend nie eine besondere Affinität entwickelt. Die 1952 erschienene und 1961 noch einmal überarbeitete Rokal-03.10 war über Jahrzehnte hinweg das einzige Großserienmodell einer entstromten 03.10. Als Märklin 1970 eine Stromlinien-03.10 herausbrachte überwog zunächst die Freude, gefolgt von baldigem Entsetzen über falsche Achsstände und zu kleine Raddurchmesser. Es bleibt das Geheimnis der Göppinger, warum sie die Stromschale nicht einfach über ein simplifiziertes 3048-Fahrwerk stülpten - Fleischmanns 1981er 03.10 bediente sich schließlich auch des damals schon 14 Jahre alten Fahrgestells der 01 aus gleichem Hause. Dass überdies Märklin es 43 Jahre lang nicht geschafft hat ein korrekt lackiertes Modell einer 03.10 auf den Markt zu bringen kann eigentlich nur Kopfschütteln auslösen - zumal das berühmte Zell-Farbdia der 03 1080 vom Spätsommer 1940, heute im Archiv Griebl befindlich, Diskussionen über authentische Stromlinienlok-Farbgebungen wenig Raum lässt. Wie eine vorbildgerecht lackierte 3089 aussehen müsste zeigt die Konkurrenz in Form der von Fleischmann sichtlich dem Zell-Bild nachgestalteten 4171 - oder dieses Bild:


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Doch fand die entstromte 03.10 keinerlei Gnade in den Augen sämtlicher Großserien-Modellbahnhersteller. Dabei hatte eine solche sogar noch das Deckblatt des Märklin-Kataloges von 1951 geziert!


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Alles nur geträumt: So hätte sich die Altbaukessel-03.10 in schwarz und blau in einem Märklin-Katalog der 60er Jahre gemacht – wenn es sie denn gegeben hätte. Man denke sich eine Retro-Edition mit einer im Fertigungsstile der 3048 ausgeführten blauen 03 1014 und drei 24cm-Doppelstock-Blechwagen als Zugpackung…



Lediglich M+F bot in den 70ern einen mächtig kompromissbehafteten Umbausatz auf der Basis der Fleischmann-01 220 an. Erst 2012, 55 Jahre nachdem das große Vorbild das Licht der Welt in dieser Bauform erblickt hatte, erbarmte man sich in Göppingen und schuf die 37915.

Man fragt sich, warum erst jetzt? Was hatte denn insbesondere die Neubaukessel-03.10 - von deren Ursprungsversion das Zentralamt Göttingen noch 1948 schrieb, dass in der ferneren Zukunft an einen Weiterbau dieser gelungenen Type zu denken wäre - im Großen derart stigmatisiert, dass sie nicht einmal im Kleinen nachbildungswürdig war? Für keinen Modellbahnhersteller, in keiner Spurweite, über ein halbes Jahrhundert?

Sicherlich war die 03.10 in ihrer letzten Bauform eher unbekannt, wenn nicht unpopulär. Während 01 und 03 allein schon aufgrund ihrer Verbreitung und die 05 dank ihrer Superlative jedes Kind kannte, waren die Dreischläger aus Hagen-Eck meist in der Relation Wuppertal/ Hagen/ Kassel/ Paderborn unterwegs und damit geographisch in einer eher überschaubaren Ecke Deutschlands. Damit war wohl für die Modellbahnindustrie der Kreis derer, die die S36.18 aus persönlichem Erleben kannten und daher auch auf ihrer Anlage sehen wollten, zu klein. Doch folgte man dieser Argumentation hätten weder eine Reihe 80, 81 oder 89 jemals eine Chance auf Realisierung gehabt. Und mit Superlativen konnte die leichte Neubaukessel-Pazifik auch nicht dienen.

Das Elend hat zwei Väter. Der eine hieß St47K. Dieser Kesselbaustoff erwies sich als nicht alterungsbeständig, und obwohl das AW Braunschweig darauf hinwies dass die Schäden nicht so umfangreich wie an den St47K-Kesseln der 01.10 seien und die für 20atü gebauten Dampferzeuger zur Schonung nur mit 16atü gefahren würden, zeugte das Bersten des Kessels der 41 229 bei der Wasserdruckprobe am 28.04.1955 bei 11,5 atü doch von dringendem Handlungsbedarf. So entschied sich die HVB auch für die Neubekesselung der 03.10 mit Kesseln, die baugleich mit denen für die Reihe 41 sein sollten und ordnete mit Verfügung vom 03.02.1956 die Beschaffung von 27 Ersatzdampferzeugern an. So weit, so gut. Diese Kessel waren so gut gelungen dass unter einem seiner Art - nämlich dem der 042 113 am 23.10.1977 – eines der letzten Feuer in einer Bundesbahn-Dampflok verlöschen sollte. Zu einem Zeitpunkt also, an dem die Neubaukessel-03.10 schon seit über einem Jahrzehnt Geschichte waren. Wie das?

Der zweite Vater des Elends heißt Heißdampfregler. Als ob es nicht genügte, dass die Neubaukessel ohnhin zum Wasserreißen neigten - was man auf die Speisewasserinnenaufbereitung und die aus dem Abdampf des Mischvorwärmers eingespeisten Öle zurückführte - "traten im Betrieb recht unangenehme Störungen an den Heißdampfreglern auf. Ursache dafür waren in mehreren Fällen das Überreißen von Speisewasser und das Festsetzen von Schlamm aus dem im Inneren des Kessels aufbereiteten Wasser (sic!). Der im Dampfsammelkasten und im Regler abgelagerte Schlamm setzte die Öffnungen zu und verhinderte das vollständige Schließen des Reglers." (Obermayr/ Weisbrod. a.a.O., S.43/ 44). Dies führte dazu, dass sich "...während angestrengter Zugfahrt ... plötzlich der Heißdampfregler nicht mehr bedienen (ließ), weil das Gestänge in der jeweiligen Lage nicht mehr bewegt werden konnte" (vanKampen/ Wenzel, a.a.O., S. 57/ 58) oder "...die Zylinder keinen oder fast keinen Dampf bekamen, obwohl sich das Gestänge des Heißdampfreglers leicht bewegen ließ." So "...kam es nicht selten vor, daß die Lokführer mit offenem, weil verklemmtem Regler an den Bahnsteig fuhren und den Zug nur mit der Bremse hielten."(van Kampen/ Wenzel, a.a.O., S. 59) Und es kam noch schlimmer: "Aus der Heißdampfkammer (...) mitgerissener Schlamm setzte sich auch im Regler der Lichtmaschine fest, so daß diese ausfiel" (vanKampen/ Wenzel, ebd.). Vom Sprühregen, der sich aus der Entlüftung der Mischvorwärmer über die Personale ergoss, gar nicht zu reden; ebenso wenig wie von der glücklosen Kohlenvorholeinrichtung im Tender, die – insbesondere im Winterbetrieb – für reichlich Ärger bei den Personalen sorgte. Warum sie überhaupt mit Verfügung der HVB vom 03.02.1956 für gleich 27 Maschinen beschafft worden war obwohl man diese aufgrund der schlechten Betriebserfahrungen vor gerademal fünf Jahren aus den Tendern der 05 001 und 002 herausgerissen hatte bleibt ohnehin das Geheimnis der Verantwortlichen der damals noch jungen DB.

So sandte der Betriebsdienst nun ganz andere Schreiben nach oben; keine Schreiben mehr wie die aus denen Klingenstein/ Ebner noch 1957 - im Jahr der Neubekesselung!- in der Zeitschrift "Die Bundesbahn" zitieren konnten und in denen die 03.10 als Beispiel für hohe Tagesleistungen mit stolzen 931km erwähnt wurde. Sondern solche wie dieses der BD Mainz ans BZA Minden vom 03.07.1957 in dem berichtet wurde, dass es bei der S36.18 im Zeitraum Mai bis August zu 16 Hilfslok- und 25 Verspätungsfällen - d.h. einen alle drei Tage! - gekommen war.

Bald stellte sich heraus, dass eine Neubaukessel-03.10 "... nur zu gebrauchen war, wenn alles in bester Ordnung war, das Personal speziell ausgebildet, hochwertige Kohle vorhanden, die Speisewasserzusätze richtig dosiert waren und anderes mehr." (vanKampen/ Wenzel, S.59). Zwischenzeitlich rechnete noch die Verwaltung die Lok "schön" - die Bundesbahnversuchsanstalt Minden, Abt. Wärmewirtschaft z.B. lobt in einem Schreiben vom 12.05.1965 die Überlegenheit der Neubaukessellok wegen ihrer um 7,8% höheren Kesselleistung und ihres um 11,75% verminderten Dampfverbrauches; dabei hatten die Neubaukesselloks einen um 20% höheren Kohleverbrauch als vor dem Umbau. Doch man musste sich eingestehen dass die Leistungen, die die 03.10 in ihrer Ursprungsbauart Wagner'scher Prägung erbracht hatten - später Triumph des Altmeisters - von den 03.10 mit Neubaukesseln nie mehr erreicht werden würden. Witte selbst brach wohl endgültig den Stab über die 03.10 als er sagte, „...dass die 03.10-Lokomotiven anscheinend in ihrem jetzigen Einsatzbereich überlastet sind, so dass ernsthaft zu überlegen wäre, hier 01 und 03 einzusetzen die noch Kessel der alten Bauart (also die in der Literatur viel geschmähten Kessel R. P. Wagners! - Anm. d. Verf.) ... haben“ (zit. n. vanKampen/ Wenzel, a.a.O., S.59). 2:0 für Wagner.

Doch obwohl selbst Düring noch in seinem bekannten Bericht vom 12.05.65 eine Lanze für die 03.10 bricht und sie, sich über die mangelnde Einsicht der maßgebenden Beamten der anderen Bundesbahndirektionen beklagend, wie Sauerbier anbietet – nachweislich den BD’en Hamburg, Hannover, Köln und wahrscheinlich auch Münster – war die 03.10 für andere Einsatzstellen spätestens seit der Unfallfahrt der 03 1013 „verbrannt“. Was war geschehen?

Gerhard Moll berichtet uns darüber im Eisenbahn-Kurier 11/ 1982, S.17:
„Ein besonderes Sorgenkind in der Familie der insgesamt 26 bei der Bundesbahn verbliebenen und seit Herbst 1958 beim Bw Hagen-Eck zusammengezogenen 03.10-Maschinen war 1961/62 die Lok 03 1013, fast ständig befand sie sich in Reparatur. Der Heißdampfregler machte – wie auch bei allen anderen Loks dieser Baureihe – große Sorge, er war auch der eigentliche Grund der damals aufsehenerregenden ‚Geisterfahrt’ im Bahnhof Hamm am 13. September 1962.
03 1013 war an diesem Tag als Leerfahrt nach Neubeckum gefahren und hatte dort den Zug De (Durchgangseilgüterzug, Anm. d. Verf.) 5004 nach Hamm übernommen. Der Zug hatte in Hamm keine Einfahrt; der Lokführer fuhr langsam an das Signal heran, musste den Regler aber nochmals etwas öffnen. Der sehr schwergängige Seitenzug-Heißdampfregler wurde etwas zu weit geöffnet, die hochrädrige Maschine fuhr mit einem Ruck an, und es kam zu einer Zugtrennung (Kupplungsriß) zwischen dem ersten und zweiten Wagen des Zuges. Der Lokführer begab sich zur Trennungsstelle, um nachzusehen, was geschehen sei. Nach kurzer Zeit folgte ihm auch der Heizer. Als erstes schloß der Lokführer den Lufthahn des ersten Wagens, um den zerrissenen Luftschlauch auszuwechseln. Der geschlossene Lufthahn verursachte aber das Auslösen der Bremse an Lok und erstem Wagen, so dass die Maschine plötzlich mit voller Beschleunigung anfuhr, als der Lokführer gerade zum Führerstand zurückging, um Werkzeug zu holen. Er versuchte noch, den Aufstieg zum Führerstand zu erreichen, wurde jedoch mitgeschleift und stürzte in den Schotter. Fassungslos sahen die beiden Maschinenmänner Lok und Wagen losrennen. Wie ihnen zumute gewesen ist, kann nur der Eingeweihte verstehen.
Nun zitieren wir aus dem Protokoll von damals:
’Die Lok 03 1013 und der Wagen rasten mit etwa 75 km/h in den Bf Hamm und am Bahnsteig vorbei. Die Stellwerksbediensteten erkannten die große Gefahr in letzter Sekunde und lenkten die führerlose Einheit in ein Nebengleis des Gbf Hamm. In der Abzweigweiche entgleiste die Lok und kippte sofort um.’ “


Da lag sie nun, die „Wilde 13“, hervorragend bildlich dokumentiert bei http://www.eisenbahngeschichte-bs.de , wo auch Bilder über ihre anschließende Wiederaufarbeitung zu finden sind. Ob das im gleichen Jahr – welch Zufall - erschienene Buch Michael Endes ihr ab da zu diesem unschönen Spitznamen verhalf, wer weiß? In jedem Fall, so berichtet uns Gerhard Moll weiter, war natürlich „... beträchtlicher Schaden an Lok und Gleisanlagen (entstanden). 03 1013 wurde nach umfangreichen Aufgleisungsarbeiten und provisorischer Reparatur am Laufwerk dem AW Braunschweig zugeführt und für viel Geld wieder aufgearbeitet.

Der Vorfall löste natürlich bei der Verwaltung einen großen Papierkrieg aus. Schuld konnte selbstverständlich nur der Lokführer sein! Er wurde bestraft, obwohl er nicht der Alleinschuldige war. Vom Sorgenkind Heißdampfregler war nämlich in keinem Schreiben die Rede. Daß der Lokführer gegen mehrere Vorschriften verstoßen hatte, ist nicht zu verschweigen, man hätte bei der Bestrafung doch von einem für den Betrieb völlig unbrauchbaren Regler ausgehen müssen. Das ‚Urteil’ der BD Wuppertal ist auch noch vorhanden, es heißt dort: ‚Hätte der Lokführer sich überzeugt, ob der Regler richtig geschlossen war, die Hähne offen, die Steuerung auf Mitte gelegt und die Tenderbremse angezogen, dann wäre das Unglück nicht geschehen.’ “
Soweit die Ausführungen Gerhard Molls.


Dabei hätte es auch anders kommen können. Bereits 1958 hatte das BZA Minden die Ausrüstung eines Neubaukessels mit Nassdampfregler angeregt. Dies wurde in der Tat mit dem Kessel 3674, im Herbst 1959 in die 03 1021 eingebaut, realisiert. Das Ergebnis war eine Lokomotive, die „nahezu störungsfrei“ (Obermayer/ Weisbrod, a.a.O., S.44) lief. In der Folge rüstete man 87 (!) Lokomotiven der Reihe 23 nachträglich mit Nassdampfreglern aus (die letzte, 023 075, wurde noch im Januar 1973 derart umgebaut!) - doch keine einzige 03.10. Und warum verweigerte man ihr im Gegensatz zu ihrer großen Drillingsschwester, der 01.10 eine Ölfeuerung – zumal die Lokomotiven der Baureihe 41, ab 1968 042, seit 1957 mit völlig baugleichen, jedoch ölgefeuerten Kesseln äußerst erfolgreich und dies noch bis zum Dampfende der Deutschen Bundesbahn 1977 durch die Gegend fuhren?

Was hält uns davon ab, dies richtigzustellen – zumal die Modellbahnindustrie doch mit der Realisierung von „What if“-Lokomotivmodellen reichlich Erfahrung hat? Gönnen wir der 03.10 die Gnade des Konjunktivs, gestatten wir ihr den Eintritt in den Dampfolymp des Möglichen, in’s „Mia and me“ for men, gewissermaßen. So erhält „unsere“ 03 1013 bei der Aufarbeitung im AW Braunschweig den störungsfrei arbeitenden Nassdampfregler und eine Ölfeuerung. Zusammen mit ihren ölgefeuerten Drillingsschwestern stecken wir sie ins BW Rheine, wo sie sich nicht nur die Umlaufpläne mit 011ern und 012ern teilt, sondern natürlich auch wie diese 1968 die Umzeichnung ins neue Nummernschema erlebt. In diesem ist für sie – der kurze Blick in den „Obermayer“ bestätigt dass dem so ist – die Baureihenbezeichnung „013“ vorgesehen. Voilá, da ist sie schon wieder, die „Wilde 13“ – diesmal als Bezeichnung einer ganzen Baureihe. Bei den Fahrensmännern hieß so ohnehin schon lange so, weil die vorangestellte „Null“ beim Aussprechen der Baureihenbezeichnung viiiiel zu lang war und die 03.10 sprachlich seit eh’ und je zur „Drei – Zehn“ zusammengeschmolzen war. Bitteschön, hier ist sie:


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Mit freundlicher Genehmigung von "Andreas I "; Bildbearbeitung bahngarfield

Hätte, wäre, könnte. Die Geschichte der Bundesbahn-03.10 ist vorbei, spätestens nachdem der „Schwerter Langzeitrostversuch“ – der vergebliche Versuch im Zuge der legendären Schwerter Loksammlung im AW Schwerte die 03 1001 wie auch einige andere Maschinen vor der Verschrottung zu bewahren – 1972 mit der Verschrottung in Recklinghausen endete.

Obwohl? 1988 hatte die Reihe 03.10 zunächst auf ganz andere, spektakuläre Art und Weise von sich Reden gemacht. Es machte die Meldung die Runde dass bis zu den Feierlichkeiten „150 Jahre erste deutsche Ferneisenbahn“, die die Reichsbahn der DDR vom 07.- 09.04.1989 in Riesa begehen würde, die 03 1010 wieder eine Stromlinienverkleidung erhalten solle. Die Männer aus Meiningen hätten schon Maß genommen, und die Zeichnungssätze seien wohl auch noch alle in dem bekannten Thüringer RAW vorhanden. Heute wissen wir, dass daraus nichts wurde – im Nachhinein muss man wohl sagen, zum Glück für die 03 1010. Aber eine Stromlinienlok bei der Riesaer Parade wäre mit Sicherheit eine Sensation gewesen – zumal damals niemand ahnen konnte, dass sechs Jahre später mit der 01 1102 tatsächlich wieder eine betriebsfähige Stromlinienlok auf deutsche Gleise zurückkehren würde.

Aber eine Neubaukessel-03.10? Vor nur wenigen Jahren machten aus Nordwestdeutschland – genauer will ich mich bewusst nicht festlegen, und von Franken aus betrachtet ist „Nordwestdeutschland“ verdammt groß! – kommende Gerüchte die Runde, dass in engagierten Kreisen laut über die Auferstehung einer Bundesbahn-03.10 nachgedacht würde. Immerhin gab es ja noch den Kessel der 03 1051, der im Oktober 1968 in die 042 105 eingebaut worden war und die noch munter in Holland unter der Regie der SSN ihre Runden drehte. Man müsste doch eigentlich nur den Kessel der 03 1051 auf das Fahrgestell der Stralsunder 03 1090 – ob ihrer Ziffernfolge gerne „Wiedervereinigungslok“ genannt – setzen und schon hätte man das da...


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Die Märklin 37915 mit „versenkten“ Sandkästen – und irritierender Beschriftung…


Nun, aus der Perspektive eines Museums- und Touristikzugbetreibers eine höchst vortreffliche Maschine: Einerseits könnte sie mit ihrer Höchstgeschwindigkeit von 140km/h problemlos in den Trassenlagen von REs oder RBs „mitschwimmen“, andererseits wäre sie aber aufgrund ihrer Achslast von unter 20t auch in der Lage, viele touristisch interessante Nebenstrecken zu bedienen. Die Ölhauptfeuerung der 042 105 könnte man nicht nur beibehalten – ließe man sich die Maschine von Roger Wallers DLM AG auch noch auf Leichtöl umbauen bekäme man eine Lok, die quasi an jeder Dieseltankstelle betankt werden könnte und für die damit erheblich weniger Infrastruktur und Personal vorgehalten werden müsste wie für eine Kohlelok. Vom wegfallenden Funkenflug – Stichwort Waldbrandstufen - gar nicht erst zu reden. Den Ölbehälter könnte man ja – á la 01 1102 – schamhaft unter der „geschlossenen Kohlenkastenabdeckung“ verstecken, sodass man den optischen Eindruck einer Neubaukessel-03.10 wahren würde. Und da die Nummer bekanntlich zum Rahmen gehört, wäre es die 03 1090 geblieben – allerdings eine Bundesbahn-03 1090.

Aus. Schluss. Ende. Äpfel. Genug solcher Überlegungen. Was hätte man da geschaffen! Einen Bastard und ein Lokwrack. Vielleicht mögen die Holländer ja noch ihre 042 105 für gutes Geld verkauft haben. Aber die Stralsunder Personale, die sich seit Jahren um die Erhaltung und die Pflege der 03 1090 verdient gemacht haben - auch und gerade in schwierigsten und turbulenten Zeiten – dürften restlos „begeistert“ gewesen sein, ihre Lok hergeben zu müssen. Und dann obendrein auch noch dafür, um in eine Bundesbahnlok umgebaut zu werden! Die Diskussionen um die 01 1102 – sattsam bekannt und geführt seit über eineinhalb Jahrzehnten mit einer Vehemenz, dass die Maschine in einigen Foren bis heute „Diskussionsverbot“ hat – dürften ein laues Lüftchen gewesen sein gegen das, was eine ölgefeuerte Bundesbahn-03 1090 an Kontroversen ausgelöst hätte; angefacht zudem von einer begleitenden Ost-West-Debatte. Nein, lassen wir das. In 1:87 darf sich ja jeder im stillen Kämmerlein seinen Planspielen hingeben – aber dieses Spiel in 1:1 zu spielen verbietet sich von selbst.

Was bleibt? Die Geschichte der Bundesbahn-03.10 ist vorbei, sie ist geschrieben und dürfte nicht mehr mit allzu großen Überraschungen aufwarten. Außer dem Kessel der 03 1051 ist von den 03.10ern der Bundesbahn nichts mehr übrig; wer zumindest den Dampferzeuger eines Hagener Dreischlägers in Betrieb erleben will muss sich eben die Mühe machen einmal bei den holländischen Freunden von der SSN vorbeizuschauen und sich dann eben eine Kuppelachse unter der 41 105 wegdenken. Als – endlich - das Geld da war um die 03 1001 kaufen zu können war die Lok schon verschrottet. Auf die 03.10 unter der Ägide der Reichsbahn und der PKP konnte und sollte aus rein quantitativen Gründen hier nicht näher eingegangen werden. Doch lässt sich mit Sicherheit sagen dass insbesondere die Geschichte der DR-Pazifiks eher eine Erfolgsgeschichte war – und ist, siehe 03 1010! – als die ihrer Bundesbahnschwestern.


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Die 03 1010 am Abend des 05.07.1989 gegen 17.15Uhr in Bad Bentheim, unterwegs zu den Feierlichkeiten „150 Jahre Eisenbahnen in Holland“. Die ursprünglich von den Niederländern gewünschte 18 201 sei, wie es hieß, am Vormittag des gleichen Tages in Halle auf einer Weiche entgleist.


Wünschen wir der 03 1010 und ihren Personalen allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser über der Feuerbüchse; freuen wir uns darüber, dass sie noch möglichst lange betriebsfähig durch die Lande rollen möge. Außer ihr wird wohl kaum eine andere 03.10 ins Leben zurückkehren. Die Warschauer Pm3-5 (seit 1977 als Pm3-3 bezeichnet, hinter ihr verbirgt sich wohl die 03 1015 und nicht die 03 1005) nicht, der, wie den anderen Exponaten im dortigen Eisenbahnmuseum auch, endlich ein Dach über den Kopf zu wünschen wäre. Und die 03 1090 wohl auch kaum. Das lässt das historische Interesse – besser: Desinteresse – einer DB AG die es nicht einmal schafft, zum 125jährigen Jubiläum des wichtigsten westdeutschen Fernbahnhofes auch nur eine historische Fahrzeugausstellung auf die Beine (pardon: Räder) zu stellen, schlicht nicht erwarten.

Was uns nicht verbietet, uns im Kleinen im besten Pippi-Langstrumpf-Verfahren („Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt…“) die 03.10 und ihr Refugium so zu gestalten, wie es uns beliebt. Gottseidank gibt es kein Eisenbahn-Zentralamt für Modellbahnen. Und in keinem Fall soll unsere „013“ gesehen werden als Belehrung unserer Vorväter aus der bei manchem Autor leider zu findenden und teilweise nur schwer erträglichen besserwisserischen Perspektive der Gnade der späteren Geburt heraus. Das gehört sich nicht. Sie haben auch alle Kraft ihres Könnens in ihrer Zeit nach ihrem bestem Wissen und Gewissen gewirkt und agiert. Und, sind wir mal ehrlich: Keiner von uns hat auch nur einen Hauch soviel Ahnung vom Dampf wie Wagner, Witte oder Düring. Die Keule der Vermessenheit sollten wir alle tunlichst im Keller lassen.

In den ich mich jetzt begebe. Dann spann’ ich meine „Wilde 13“ vor den popfarbenen DC 915 und prügel sie durchs Emsland. Und nun teert und federt mich dafür!

Grüße!

Christian



Literaturangaben (auszugsweise):

Moll, Gerhard: Wir erinnern an... die "Geisterfahrt" der 03 1013. Eisenbahn-Kurier 11/ 1982

vanKampen, Manfred/ Wenzel, Hansjürgen: Die Baureihe 03.10. Freiburg 1978.

Obermayer, Horst J./ Weisbrod, Manfred: Die Baureihe 03.10. Eisenbahn-Journal IV/ 94

Gottwaldt, Alfred B.: Baureihe 05. Die schnellste Dampflok der Welt. Stuttgart 1981.
Zuletzt geändert von bahngarfield am Sa 9. Nov 2013, 21:10, insgesamt 8-mal geändert.

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Pauline
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Re: Die wilde Dreizehn

#2

Beitrag von Pauline » Di 6. Aug 2013, 15:19

Hallo, Christian!
bahngarfield hat geschrieben:... Dann spann’ ich meine „Wilde 13“ vor den popfarbenen DC 915 und prügel sie durchs Emsland. Und nun teert und federt mich dafür!
Geteert und gefedert wird, wenn davon keine Bilder erscheinen :D

Wie dem auch sei - ein toller und unterhaltsamer Beitrag über eine Lok, die es so von der Tante nicht gab.
Vielen Dank für die kleine Reise ins Reich der Fantasie :prost:
Viele Grüße!
Jürgen
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Ich freue mich auf Euren Besuch: viewtopic.php?f=64&t=63941


Weichenputzer
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Re: Die wilde Dreizehn

#3

Beitrag von Weichenputzer » Di 6. Aug 2013, 20:42

Hallo Christian,

wie immer erstklassig recherchiert und brillant geschrieben, Kompliment und herzlichen Dank!

Der 03.10 blies spätestens zu Beginn der 60er meiner Meinung nach der "Wind des Fortschritts" frontal ins Gesicht: Die Elektrifizierung der Hauptstrecken geschah in atemberaubender Geschwindigkeit, die V200 hatte ihre Kinderkrankheiten hinter sich und die Fabrikhallen in Essen, Kassel und München spuckten Einheits-E-Loks in hohen Stückzahlen aus. Irgendwie standen die Zeichen auf "modern", das Ende der Dampfloks schien perspektivisch beschlossene Sache zu sein. Auch der "Spirit" in den Verwaltungen der DB dürfte entsprechenden Vorgaben gefolgt sein.

Aber wem erzähle ich das? Viele interessante Hintergründe zur 03.10 hast Du uns allen einmal mehr ebenso kompetent wie unterhaltsam nähergebracht.

Viele Grüße,

Markus


Holger_D
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Re: Die wilde Dreizehn

#4

Beitrag von Holger_D » Di 6. Aug 2013, 21:20

Lieber Christian,

ich lese Deine Beiträge einfach ZU gern - und lerne immer wieder was dazu!

Ich schreibe das ausdrücklich als jemand, der die entstromte 03.10 der Bundesbahn ästhetisch nicht besonders gelungen findet. Die Proportionen stimmen (wohlgemerkt für mich) vorn und hinten nicht. Deshalb hatte ich nie Sehnsucht nach einem Modell. Aber Dein Artikel und besonders die fiktiven Bilder vom blauen F-Zug aus Blech sind schon großartig.

Würde ich die "Gnade des Konjunktivs" walten lassen, so wären die 03.10 und die 01.10 nach Kriegsende niemals entstromt worden, sondern bis heute mit Stromschale unterwegs gewesen, und zwar vor internationalen Schnellzügen. Aber mich fragt ja keiner. ;-)

Liebe Grüße

Holger
Schädigt Märklin - kauft Minitrix!


Sequoiadendron
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Re: Die wilde Dreizehn

#5

Beitrag von Sequoiadendron » Mi 7. Aug 2013, 06:17

Danke für den tollen Beitrag. Jetzt weiß ich, dass meine blaue 03.10 aus dem märklin starterset kein Fantasieprodukt ist. Fehlen nur noch die blauen Doppelstockwagen von hobbytrain, aber die werden so selten angeboten.


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bahngarfield
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Re: Die wilde Dreizehn

#6

Beitrag von bahngarfield » Do 8. Aug 2013, 12:35

Hallo zusammen!
Sequoiadendron hat geschrieben:Danke für den tollen Beitrag. Jetzt weiß ich, dass meine blaue 03.10 aus dem märklin starterset kein Fantasieprodukt ist. Fehlen nur noch die blauen Doppelstockwagen von hobbytrain, aber die werden so selten angeboten.
Huhu? Alle schon im Urlaub? Wie lange wollt Ihr denn unseren geschätzten Sequoiadendron noch in seinem Glauben lassen? Naja, wahrscheinlich schon alle auf Malle... Bild

Also: Die Märklin-29845 alias 3097 ist selbstverständlich ein Fantasieprodukt. Hinter ihr verbirgt sich nichts anderes als die gute alte 3085 - mithin ein astreines Modell einer Bundesbahn-Zweizylinder-03 - die mit Farbe zur dreizylindrigen 03 1022 bzw. 03 1043 "umgepinselt" wurde. D.h., dass an dieser Maschine von der Lokfront (Umlaufschürzen, fehlendes Kolbenstangenschutzrohr für den Innenzylinder) über das Dreilichtspitzensignal, die Rauchkammertür, den fehlenden Versatz der Gegengewichte an der Kuppelachse (gut, ist mir wurscht, beim Schnellfahren sieht's eh' keiner) und das Führerhaus bis hin zum Tender nichts stimmt - hab' ich was vergessen? Als bekennender Retroianer zähle ich mich weiß Gott nicht zum Kreise der Pufferküsser und Nietenzähler - aber eine blaue Bundesbahn-03.0 ist mir doch erheblich zu kompromissbehaftet.

Überhaupt wollte ich die Kiste "blaue Dampflokomotiven" eigentlich nicht mit meinem Beitrag aufmachen. Aber bitte, hier noch einmal in aller Kürze und im Telegrammstil die Übersicht, wann welcher Bundesbahndampfer wie blau gestrichen war:


*fingeröl*

01 1087 (BW Bebra) L 4 08.02.1950 gem. Verf. vom 02.11.49; Anstrich wie folgt:

Führerhaus, Windleitbleche, Kessel RAL 5001 (nach anderer Quelle RAL 5003) ; Rauchkammer, Schornstein RAL 9005, Fahrgestell/ Triebwerk rot RAL 3000.

In diesem Anstrich gefahren bis 05.07.1950, danach schwarz/ rot

03 1014 (ab 22.06.50, BW Dortmund Bbf), 1022 (ab 07.06.50, BW Dortmund Bbf) und 1043 (ab 19.06.50, BW Dortmund Bbf) gleiches Farbschema, aber RAL 5011.

Ab Ende 1951/ Anfang '52 zweiter Blauanstrich der 01 1087, aber nun ebenfalls in RAL 5011 wie die 03.10. (Angaben nach WILKE, Blaue Dampfloks, in EK 12/ 89, S. 90).

Alle Anstriche sind durch die erhaltenen Schriftwechsel der beteiligten DB-Stellen auf Primärquellenniveau dokumentiert und damit unstrittig. Anders sieht es beim fünften "Bläuling" aus, welcher nach HOECHERL/ KRONAWITTER/ TAUSCHE 18 512 von 1951 - 52 gewesen sein soll. Ohne weitere Quellenangabe würde ich es nicht wagen mich soweit aus dem Fenster zu lehnen, die Existenz einer blauen Bundesbahn-S3/6 zu postulieren. Sie hat wohl - wenn es sie gegeben hat - so ausgesehen:


Bild


Ein schönes Farbbild einer blauen 03.10 vor Zug findet man in Form eines Aquarells von Heribert Schröpfer in Wollny/ Knipping "Deutsche Bundesbahn 1949 - 1968", Stuttgart (1) 1997. Farbfoto ist mir leider auch nicht bekannt. Wie eine blaue 01 1087 "in Märklin" in den 60ern hätte aussehen können, zeigt dieses Bild:


Bild
Originalaufnahme mit freundlicher Genehmigung von Frits Osterthun; Bildbearbeitung bahngarfield


Natürlich gab's die nicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden... ;-)

Hoffe, geholfen zu haben!

Grüße!

Christian
Zuletzt geändert von bahngarfield am Do 8. Aug 2013, 12:58, insgesamt 1-mal geändert.


Sequoiadendron
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Re: Die wilde Dreizehn

#7

Beitrag von Sequoiadendron » Do 8. Aug 2013, 12:45

Hallo Christian
Danke für die Info. Mal schauen, was ich dann mit der Lok mache. Eventuell auf eine Schwarze 03 zurückbauen, wie schon vor dem Beitrag und der Meinung, die Lok sei korrekt, geplant.
Gruß Alexander
Zuletzt geändert von Sequoiadendron am Fr 9. Aug 2013, 06:06, insgesamt 1-mal geändert.


Holger_D
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Re: Die wilde Dreizehn

#8

Beitrag von Holger_D » Do 8. Aug 2013, 17:04

bahngarfield hat geschrieben:Hallo zusammen!
Sequoiadendron hat geschrieben:Danke für den tollen Beitrag. Jetzt weiß ich, dass meine blaue 03.10 aus dem märklin starterset kein Fantasieprodukt ist. Fehlen nur noch die blauen Doppelstockwagen von hobbytrain, aber die werden so selten angeboten.
Huhu? Alle schon im Urlaub? Wie lange wollt Ihr denn unseren geschätzten Sequoiadendron noch in seinem Glauben lassen? Naja, wahrscheinlich schon alle auf Malle... Bild

Also: Die Märklin-29845 alias 3097 ist selbstverständlich ein Fantasieprodukt. (...)

Hi Christian,

ich tippe nicht auf Malle, sondern auf hitzebedingte Ermüdungserscheinungen. Die üblichen Verdächtigen sind offenbar zu schlapp, um den armen Sequoiadendron in der Luft zu zerreißen. Da ich selbst einst in seiner Lage war, weiß ich heute natürlich Bescheid und hätte mich pomadig als Experte aufspielen können. Habe ich aber nicht getan, und zwar aus Liebe zur Märklin-29845 alias 3097, deren Proportionen ich um Welten schöner finde als die des Vorbilds. In einer gerechten Welt hätte die Lok übrigens Wagner-Bleche, aber - wie gesagt - mich fragt ja keiner.

Deine Antwort auf Sequoiadendron ist hochinteressant. Was mich daran (wie generell bei der Eisenbahnforschung) einmal mehr fasziniert, ist, daß sich manche Dinge, die eigentlich noch gar nicht allzu lange zurückliegen, nicht mehr eindeutig belegen bzw. widerlegen lassen - siehe die blaue Achtzehner (von der ich übrigens zum ersten Mal höre). Es scheint, als wisse man über die Pyramiden und Stonehenge mehr. Zumindest tut man so. ;-)

Für den Modellbahner bedeutet das natürlich: Anything goes! Freie Fahrt in jeder Hinsicht! Und deshalb stelle ich hiermit die These auf, daß einige, wenn nicht gar die meisten zweizylindrigen 03er tatsächlich so lackiert waren wie die Märklin-29845 alias 3097. Die Bilder von schwarz-roten Loks zeigen seltene Einzelgänger. Die wurden ja gerade deshalb so ausgiebig fotografiert und gefilmt, weil sie so unglaublich rar waren. Soll mir mal einer seriös das Gegenteil beweisen! ;-)

Liebe Grüße

Holger
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Re: Die wilde Dreizehn

#9

Beitrag von bahngarfield » Do 8. Aug 2013, 18:29

Sequoiadendron hat geschrieben:Hallo Christian
Danke für die Info. Mal schauen, was ich dann mit der Lok mache. Eventuell auf eine Schwarze 03 zurückbauen.
Gruß Alexander

Hallo Alexander!

Märklins 3085 ist eine - besonders für ihre Zeit - recht gut gelungene Nachbildung der Ulmer 003 160. Diese hatte an der Rauchkammertür ein untermittig angebrachtes Nummernschild. Einige der letzten Ulmer 003er - wie z.B. die 003 131 - trugen ihr Rauchkammernummernschild aber in der Mitte, was ihnen ein deutlich anderes Erscheinungsbild gab: http://www.drehscheibe-foren.de/foren/r ... 17,5968967 Ich weiß jetzt nicht wie gut Deine Bastelkünste sind (hoffentlich besser als die meinigen) - aber besorg Dir doch eine neue Rauchkammertür und mach' aus der blauen 03.10 eine - vorbildgerechte - Ulmer Schwester für die 3085 in dieser Bauform. Auch 'ne Art von "Familienzusammenführung"...

Grüße!

Christian


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Re: Die wilde Dreizehn

#10

Beitrag von bahngarfield » Do 8. Aug 2013, 18:57

Hallo Holger!
ich tippe nicht auf Malle, sondern auf hitzebedingte Ermüdungserscheinungen. Die üblichen Verdächtigen sind offenbar zu schlapp, um den armen Sequoiadendron in der Luft zu zerreißen. Da ich selbst einst in seiner Lage war, weiß ich heute natürlich Bescheid und hätte mich pomadig als Experte aufspielen können. Habe ich aber nicht getan, und zwar aus Liebe zur Märklin-29845 alias 3097, deren Proportionen ich um Welten schöner finde als die des Vorbilds. In einer gerechten Welt hätte die Lok übrigens Wagner-Bleche, aber - wie gesagt - mich fragt ja keiner.
Äh, doch - ich. 03.10 mit Wagnerblechen ist absolut korrekt! So liefen nachweislich mindestens die 03 1087, die 03 1046 und die 03 1058 der Reichsbahn der DDR nach dem Krieg durch die Gegend. Blau waren die allerdings nicht.
Deine Antwort auf Sequoiadendron ist hochinteressant. Was mich daran (wie generell bei der Eisenbahnforschung) einmal mehr fasziniert, ist, daß sich manche Dinge, die eigentlich noch gar nicht allzu lange zurückliegen, nicht mehr eindeutig belegen bzw. widerlegen lassen


Wenn Du Dich gepflegt prügeln willst, brauchst Du nur in bestimmten Foren eine Diskussion über Länderbahn-Farbgebungen zu starten. Mich irritiert immer, mit welchen minimalen geschichtswissenschaftlichen Standards bei solchen Diskussionen gearbeitet wird, obwohl Eisenbahngeschichte eben auch Geschichte ist und sich damit an den gleichen historologischen Kriterien messen lassen muss.
- siehe die blaue Achtzehner (von der ich übrigens zum ersten Mal höre).
Zitat: "Um 1951/ 52 wurde die 18 512 versuchsweise mit blau-rotem Anstrich versehen, dem Vernehmen nach in Anpassung an eine blaugestrichene Doppelstockwagen-Garnitur."(HOECHERL/ KRONAWITTER/ TAUSCHE: S3/6 - Star unter den Dampflokomotiven. Stuttgart [3]1978, S. 92) Das glaube ich erst, wenn ich es über mindestens eine zweite Quelle verifiziert bekommen habe.
Es scheint, als wisse man über die Pyramiden und Stonehenge mehr. Zumindest tut man so. ;-)
Ich werde immer dann hippelig, wenn Wissenschaft oder ihre (oft selbst ernannten) Vertreter meint Lehrmeinungen verkünden zu müssen. Nichts ist im Hinblick auf einen erkenntnisgeleiteten - und das sollte Wissenschaft nunmal sein - Prozess kontraproduktiver, nichts bremst Wissenserwerb und -erweiterung mehr als "Autoritäten" und Eklektizismus. Und das mag auch gerne gelten für Stonehenge, die Pyramiden oder eben historische Eisenbahnfahrzeugfarbgebungen.
Soll mir mal einer seriös das Gegenteil beweisen! ;-)
So funktionierts aber auch nicht... ;-) Auf die Maxime des "Anything goes", insbesondere in 1:87, können wir uns aber gerne verständigen!

Grüße!

Christian


Nachtrag: Tante Edit brachte soeben noch die Stationierungsdaten der 18 512 für den fraglichen "blauen" Zeitraum vorbei: 06.05.1950 von Kempten nach Hof, in Hof nachgewiesen 30.09.1951, von Hof nach Regensburg 22.12.1954. Die Doppelstockwagen, von denen in der Quelle die Rede ist - DC4ymg-51 und DCüp-50 -, waren zu dieser Zeit vornehmlich im Eilzugverkehr zwischen Frankfurt und Dortmund (erinnert sei an die berühmte Bellingrodt-Aufnahme des E 714) eingesetzt und dürften Bayern nie zu sehen bekommen haben. Das "beißt" sich...


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Re: Die Wilde Dreizehn

#11

Beitrag von Holger_D » Fr 9. Aug 2013, 11:15

Hi Christian,

wunderbar formuliert!

Um so eigenartiger wird die Angelegenheit, als die Materie gegenüber den Pyramiden und Stonehenge auf den ersten Blick doch vergleichsweise trivial erscheint. Anfang der Fünfziger befanden sich behördliche Dienststellen noch in der Tradition von Kaiserreich und Führerstaat und waren somit gewohnt, alles Erdenkliche genauestens zu dokumentieren und zu archivieren; eigenmächtiges Handeln ohne höhere Weisung war unvorstellbar; es gab bereits Farbfilme; es gab bereits die Klassifizierung von Farben nach RAL; zudem sollten noch jede Menge Zeitzeugen am Leben sein. Aber wie sieht die Realität aus? Eine so popelleicht anmutende Frage wie die nach der Farbgebung von Eisenbahnfahrzeugen vor lächerlich wenigen Jahrzehnten kann nicht mehr eindeutig beantwortet werden. Von anderen Schicksalfragen des Eisenbahnwesens einmal ganz abgesehen. ;-)

Liebe Grüße

Holger
Schädigt Märklin - kauft Minitrix!


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Re: Die Wilde Dreizehn

#12

Beitrag von bahngarfield » Fr 9. Aug 2013, 14:26

Hallo Holger!

In der Tat, Du hast recht. Man braucht gar nicht bis zur Länderbahnzeit zurückgehen. Sieh' Dir doch einfach mal die Diskussion über die blaue 17 1119 oder die angeblich grüne 01 504 an. Ein ganz heißes Eisen - und gleichzeitig ein sehr interessantes Thema - ist auch die Farbgebung sogenannter Kolonnenloks in der ehemaligen DDR. Leider werden bis heute Diskurse zu diesen Themen nicht selten im sogenannten Max-Kruse-Verfahren geführt. Das ist der, der "Gut gebrüllt, Löwe!" geschrieben hat...

Grüße!

Christian


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Re: Die Wilde Dreizehn

#13

Beitrag von Holger_D » Fr 9. Aug 2013, 14:33

Lieber Christian,

selbst die relativ neuzeitliche 218 217 in ihren TEE-Farben sorgt ja gern für heftige Diskussionen, "Gebrüll" eingeschlossen - leider aber kein gutes.

Max Kruse? Da bin ich sozusagen ein Fan der ersten Stunde. Bei mir fing es an mit "Der Löwe ist los".

Viele Grüße vom Dir stets gewogenen

Habakuk Tibatong ;-)
Schädigt Märklin - kauft Minitrix!


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Re: Die Wilde Dreizehn

#14

Beitrag von redwest » Sa 10. Aug 2013, 21:51

Bild

da ist doch ne märklin lok in blau /schwarz


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Re: Die Wilde Dreizehn

#15

Beitrag von bahngarfield » So 11. Aug 2013, 16:12

Hallo zusammen!
redwest hat geschrieben:da ist doch ne märklin lok in blau /schwarz
Da fährt eine blau-schwarze Lok auf Deiner Anlage, und selbst bei dieser Bildqualität (geschätzt Amplitude 6,3 auf der nach oben offenen Richterskala ;-) ) würde ich mich soweit aus dem Fenster lehnen, dass es sich hierbei weder um die Märklin-3097 noch die 29845 noch die Roco-69281 (oder eines ihrer Derivate) handelt. Aber ich verstehe Dein Posting nicht ganz: Wer, wenn nicht Du, könnte uns die Herkunft seiner Loks erklären? Bin schon neugierig...

Grüße!

Christian

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Re: Die Wilde Dreizehn

#16

Beitrag von Betulaceae » So 16. Feb 2014, 14:10

Moin Christian,
ich bin ein absoluter Fan deiner Berichte aus vergangenen Zeiten.
Ich hab mich bloß leider noch nie zu Wort gemeldet, immer im stillen genossen ;-)

Aber zur 03.10 muss ich jetzt auch mal ein paar Bilder einstellen,
ich kann zwar nich mit Photoschop, dafür hab ich aber etwas rumgebastelt.

Leider ist die Lok nicht fahrfähig, da das Tendergehäuse von der 41, mit offenem Führerhaus, stammt.
Es wären nur Radien jenseits der 2 m durchfahrbar, ohne Entgleisung.

Die ölgefeuerte 03 1001 befährt mit einem Zug aus Dänemark die Rheinstrecke und kommt gerade aus dem Tunnel an der Loreley:

Bild

Bild

Hier die Lok nochmal ohne Zug in voller Pracht:
Bild

Bild

Und hier nochmal 2 Kandidaten welche mich auf diesen Umbau erst gebracht haben.
Bei den beiden Modellen ist der Umbau von Öl- auf Kohlefeuerung und umgekehrt dank den neuen Märklin T 34 in wenigen Sekunden vollbracht:
Bild
Ist hier was falsch?

Ölgefeuerte Grüße
Birk
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Bekennender Marzibahner :sabber:

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Re: Die Wilde Dreizehn

#17

Beitrag von kalle.wiealle » So 16. Feb 2014, 14:43

bahngarfield hat geschrieben:Die Wilde Dreizehn
Hallo zusammen!

Bild

Alles nur geträumt: So hätte sich die Altbaukessel-03.10 in schwarz und blau in einem Märklin-Katalog der 60er Jahre gemacht – wenn es sie denn gegeben hätte. Man denke sich eine Retro-Edition mit einer im Fertigungsstile der 3048 ausgeführten blauen 03 1014 und drei 24cm-Doppelstock-Blechwagen als Zugpackung…
Hallo zusammen...

..ich habe mir diese wunderschönen Doppelstock-Blechwagen bestellt...
..oder war das alles nur geträumt....lächel...


Grüsse, Kalle


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Re: Die Wilde Dreizehn

#18

Beitrag von Sequoiadendron » So 16. Feb 2014, 15:50

Du musst wohl die kurzen von Heris nehmen, was anderes gibts nicht (kaum) in Blau.


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Re: Die Wilde Dreizehn

#19

Beitrag von bahngarfield » So 16. Feb 2014, 21:13

Hallo Birk!
Betulaceae hat geschrieben: Aber zur 03.10 muss ich jetzt auch mal ein paar Bilder einstellen,
ich kann zwar nich mit Photoschop, dafür hab ich aber etwas rumgebastelt.
Cool! Eine "echte" 013 in HO - dickes Lob und Danke für die Umsetzung! Aber den Brecher find ich ja die P10Öl (!). Da hätten sich die Jünkerrather Heizer aber mächtig gefreut!

Danke für Deine Bilder!

Grüße!

Christian

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Thomas W
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Re: Die wilde Dreizehn

#20

Beitrag von Thomas W » Mo 17. Feb 2014, 00:13

Hallo Christian,

ein bärenstarker Bericht über die BR 03.10, vielen, vielen Dank.

Ich hatte ja an anderer Stelle über das Vorbild 03.10 berichtet.
In der Tat sind mir ja auch einige "Ideen" durch den Kopf gegangen, weshalb wohl dieser Baureihe im Original wie im Modell sowenig "Gegenliebe" zuteil wurde.

Einen Punkt hast Du ja angesprochen: Die BR E 10 und V 200 eröffneten ja den Totentanz der Schnellzugdampfer und irgendeine Baureihe der Einheitsbauart muss ja als erstes abtreten.
In den 1950er waren es die Länderbahnrenner, die nach und nach den Hochofen von innen besichtigten. Einige, wie die 18.5 oder 18.6, hielten sich ja bis Anfang bzw. Mitte der1960er und als letzte ihrer Art wurde die 18 323 ( ex bad IVH ), welche 1969 aus dem Versuchdienst ausgeschieden ist, aufs Abstellgleis gestellt.
Auch bei der 18.6, welche eigentlich eine neubekesselte 18.5 war, kann man das Experiment "Neubaukessel" durchaus als gescheitert ansehen. Die neubekesselten S 3/6 sollen der BR 01 nahezu ebenbürtig gewesen sein, bis sich Risse bei den Kessel bildeten und der Druck auf 12 bar abgesenkt wurde. Die Leistungsfähigkeit wurde dadurch natürlich eingeschränkt und man wollte wohl bei den Maschinen, ebenso wie bei der 03.10, die finanziellen Verluste durch den Umbau ohne weitere größere Investitionen im Rahmen halten. 1965 war bei den 18.6 dann aber "Schicht im Schacht".

Allerdings heizten den Dampflokomotiven nicht nur die BR V 200 und E 10 ein: Ab 1956 wurden die BR E 41 in Dienst gestellt, welche im Eil- und Personenzugdienst weitere Dampfer verdängte.
Dazum kam die ab 1962 in Dienst gestellten V 200.1, die letzte zweimotorige Groß-Dieselloks, sowie die ab 1964 in Serie gebauten V 160, die den Grundstein einer als absolut erfolgreich zu bezeichneten "Lokfamilie" legten. Die 10 Vorserienmaschinen ( Dienstbeginn 1960 ) bewährten sich ja ausserodentlich gut.
Außerdem wurden die Züge in den 1960er länger und schwerer, was den Einsatz von Schnellzug-Dampflokomotiven zusätzlich erschwerte. Ein Umbau auf Ölfeuerung hätte zwar die Leistungsfähigkeit etwas gesteigert, hätte aber nicht den selbem Erfolg gebracht wie bei den 01.10. Letztere war durch diese Maßnahme durchaus fähig, schwere Züge pünktlich zu befördern.

Zum Modell der 03.10: Offensichtlich waren den Modellbahnherstellern die Unterschiede einer mit Altbaukessel versehenen 03.10 zur 03 zu gering, wobei gerade der "Variantenlieferer" aus Göppingen hier wohl einfach geschlafen hat. Spätestens mit der Entwicklung der BR 01.10 mit Neubaukessel lag ein annähernd korrektes Führerhaus vor. Das bisschen Druckluftkessel, und die Änderungen am Tender, sowie an der Frontschürze incl. 3. Zylinderschutzrohr hätte dann doch schon ziemlich ein nahe an das Vorbild gekommenes Modell erlaubt und die Investitionen wären sehr überschaubar gewesen.
Die Tür ist ja nicht endgültig zu, die "Neubaukessel 03.10" und die neue "03" könnten durchaus als Basis für ein vernünftiges Modell dienen. Und da man ja bei Märklin die Doppelstockwagen Prototypen endeckt hat....man weiß ja nie.
Modelle mit "Witteblechen" und Zweilicht-Spitzsignal haben in Göppingen allerdinge in der "neueren Zeit" keine risiege Tradition: Epoche IIIa Maschinen werden zwar regelmäßig mit zwei Lichtern ausgestattet, haben dann aber oft "Wagnerohren". Lediglich die Produkte der 1950er sind zeitgenössisch korrekt, erfüllen allerdings keine heutigen Maßstäbe.

Märklin und die Farbvarianten sind ein endlos Kapitel: Die 03.10 Stromlinie hat ja nahezu alle Farben über sich ergehen lassen müssen: Rot, grün, blau, grau und schließlich schwarz.
Allerdings kann ich mich auch an eine rote Fleischmann 03.10 erinnern und als Kind, eher von Farben und Formen als von Vorbildtreue angesprochen, hat die rote 03.10 durchaus eine haben-wollende Wirkung entfaltet.
Gipfel der "Fehlfarben" bei der 03.10 dürfte die neubekesselte Variante in stahlblau sein. Ob bei solchen Farbgebungen den Herren neben der BR 05 auch die roten E 19 durch den Kopf gegangen sind... wer kann das mit letzter Sicherheit beantworten.
Dunkel habe ich auch noch eine rote 03.10 mit den fünf olympischen Ringen am Tender in Erinnerung, wobei die Olympiade in Berlin 1936 durchgeführt wurde und die 03.10 zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht auf die Schienen gestellt war.
Nunja, Mobahersteller leben vom Verkauf und wenn Varianten, auch vorbildwidrige, die Kasse füllen, sichert das letztendlich auch das Überleben und Arbeitsplätze.
Nur von den "kritischen" Modellbahnern kann kein Hersteller überleben.

Ich selbst besitze ja ebenfalls eine "stahlblaue" 03 und auch die blaue strominienverkleidete 03.10 befindet sich bei mir im Bestand: Einfach weil mir die Maschienen in dieser Ausführung gefallen, besonders der "blaue stromlinienförmige Blitz" mit seinen roten und silbernen Zierlinien. Auch ohne Vorbildtreue, ganz ehrlich.
So hätte die Zukunft der 03.10 bei der jungen DB ebenfalls aussehen können: Frische Farben, um sich vom "Alten" abzugrenzen. Bei den Reisezugwagen im "stahlbaluen F-Zug-Netz" hat man dies ja praktiziert. Das die Verkleidung allerdings unpraktisch war und hohe Geschwindigkeiten bei der jungen DB in den Anfangsjahren eher nicht erzielbar waren, ist eine andere Geschichte.
Dass die unverkleideten 03.10 mit stahlblauem Anstrich ein prima Werbeträger waren, ist allerdings unbestreitbar. Gerade im Wettbewerb mit dem Individualverkehr hätte etwas mehr Mut zu einem früheren Zeitpunkt sicherlich nicht geschadet.
Die Farb-Experimente in den 1970ern kamen allerdings zu spät und das Elfenbein-Ozeanblau Konzept fand ja nicht nur Liebhaber.

Dass die "gestromten" Lokomotiven auch negative As­so­zi­a­ti­onen hervorriefen, abwertend gar als "Möbelwagen" bezeichnet wurden, ist ebenfalls erwähnenswert. Die von Dir erwähnte 01 1102 wird ja oft als "Nazilok" oder gar "Stahlhelm" bezeichnet.
Offensichtlich bringt man die 01.10 und 03.10, welche ab 1939 gebaut wurden, in Unkenntnis der tatsächlichen Situation, ganz stark mit der Hitler-Regime in Verbindung. Dass diese Maschinen eine Notwendigkeit der Dampflokindustrie waren, um der Konkurrenz der Straße, der Luft und der Schiene ( Stichwort "Fliegende Züge", HWZ, E 18/E 19 ) zu begegnen, scheint wenig bis gar nicht bekannt zu sein. Beide Baureihen kann man eher als "Opfer" des Krieges sehen, wurden doch die bestellten Maschinen zu Gunsten von Güterzuglokomotiven storniert.
Aus gleichem Grund kam das Projekt "23" nicht über zwei Maschinen hinaus. Tatsächlich haben die Machthaber erst bei zunehmender Kriegsdauer auf die Produktion der Lokomotiven Einfluss genommen, Ergebnis waren die Kriegsbauarten 42, 50 ÜK, und 52. Die ursprünglichen Breitspurpläne ( m.E. der schienengebundene Größenwahn ) der Nazis kam über das Planungsstadium nicht hinaus.

Ein klein-bisschen Stromlinie gab es aber doch noch: Die Baureihe 10 der DB und den Veruschloks der DR, 18 201 und 18 314 hatten Frontverkleidungen und dadurch ein durchaus ansprechendes Äußeres.
Die beiden Maschinen der DR fielen gar durch ihre abweichende grüne Lackierung auf und haben sich dadurch einen Platz in der Deutschen Eisenbahngeschichte redlich verdient.
Die BR 10 der DB, als "schwarzer Schwan" oder "Sputnik" bezeichnet, darf man auch als eher "glücklos" bezeichnen, sie kamen auch nur auf eine knapp 10 jährige Einsatzdauer und galten als "Sorgenkind".

Nebenbei: Dein Katalog der "Schwarzen" zeigt das Foto einer altbekesselten 03.10 mit dem F163/164 Loreleyexpress bei Bacharach. :wink:
bahngarfield hat geschrieben:01 1087 (BW Bebra) L 4 08.02.1950 gem. Verf. vom 02.11.49; Anstrich wie folgt:
Führerhaus, Windleitbleche, Kessel RAL 5001 (nach anderer Quelle RAL 5003) ; .....
Über die Farbe "Saphirblau" bin ich auch schon bei den Liegewagen der Touropa gestolpert, andere Aufzeichnungen ordnen den Wagen die Farbe "Kobaltblau" ( RAL 5013 ) zu.
Auch hier wäre eine abschließende Klärung wünschenswert.
Grüße
Thomas

Richtige Lokomotiven fangen mit "D" an, also Dampf.... oder Diesel.... :wink:


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Re: Die Wilde Dreizehn

#21

Beitrag von bahngarfield » Mo 17. Feb 2014, 17:37

Hallo Thomas!

Da Du offensichtlich ein Kenner und wie viele andere auch ein Fan unserer leichten Drillings-Pazifik bist habe ich hier noch etwas, was Dich vielleicht interessieren könnte. Hier geht's in Teil II um die Geschichte der 03.10 unter der Flagge der SZD in der Sowjetunion.

Grüße!

Christian


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Re: Die wilde Dreizehn

#22

Beitrag von bahngarfield » Mo 17. Feb 2014, 18:03

Thomas W hat geschrieben: Ein klein-bisschen Stromlinie gab es aber doch noch: Die Baureihe 10 der DB und den Veruschloks der DR, 18 201 und 18 314 hatten Frontverkleidungen und dadurch ein durchaus ansprechendes Äußeres.
Stimmt - wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass die 18 201 nach den Kriterien des Reichsbahn-Nummernschemas als Drillings-Pazifik aus dem Einheitslok-Baukasten mit 18t Achslast eigentlich in die Nummernfolge 03.10 eingeordnet werden müsste. Und so gesehen können wir uns heute an zwei betriebsfähigen "03.10ern" erfreuen...

Grüße!

Christian

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Re: Die wilde Dreizehn

#23

Beitrag von Thomas W » Mo 17. Feb 2014, 20:30

Hallo Christian,

danke für den Link.
bahngarfield hat geschrieben:Da Du offensichtlich ein Kenner und wie viele andere auch ein Fan unserer leichten Drillings-Pazifik bist ....
Nicht nur, nicht nur, es kann auch mal ein "fetter Brocken" oder eine 64er sein. Ich mag Dampfloks allgemein und besonders der Epoche III wobei diese Ihre Wurzeln überwiegend in der Länder- und Reichsbahnzeit hatten. Daneben sind auch noch Dieselloks eine tolles Thema.
Außerdem versuchen ich so viele Informationen zusammen zu tragen, wie heute noch möglich ist. Dabei ist natürlich eine gewisse Vorsicht geboten, vieles wird ja aus der Sicht der "gnädigen Erinnerung" berichtet und bei Zeitzeugen im gesetzten Alter ist ein gesundes Misstrauen durchaus kein Fehler. Grundsätzlich bin ich geneigt, Berichten glauben zu schenken, die auch fotografisch belegt sind. Eine mehrheitliche Behauptung wird nicht automatisch zur damaligen Realität.
bahngarfield hat geschrieben:
Thomas W hat geschrieben: Ein klein-bisschen Stromlinie gab es aber doch noch: Die Baureihe 10 der DB und den Veruschloks der DR, 18 201 und 18 314 hatten Frontverkleidungen und dadurch ein durchaus ansprechendes Äußeres.
Stimmt - wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass die 18 201 nach den Kriterien des Reichsbahn-Nummernschemas als Drillings-Pazifik aus dem Einheitslok-Baukasten mit 18t Achslast eigentlich in die Nummernfolge 03.10 eingeordnet werden müsste. Und so gesehen können wir uns heute an zwei betriebsfähigen "03.10ern" erfreuen...
"Klugscheißermoduas an...."
Die verschiedenen Varianten der S 3/6 hatten ja auch nur um 18 Tonnen Achsdruck, von daher passt das schon, auch wenn die 18 201 u.a. aus Teilen einer Einheitslokomotive ( 61 002 ) entstand.
Das DRG Nummernschema lässt sich meiner Meinung nach nicht vorbehaltlos auf diese Lokomotive anwenden, zumal der "einstellige Bereich" bis auf die "9" durch die Bank besetzt und im "zweistelligen Bereich" lediglich die "11" und die "12" frei war.
Bei den "zweistelligen" fand man ja nicht nur Länderbahnloks, sondern auch Prominente Maschinen wie die DB-Neubaudampflok BR10 oder die DRG Baureihen T 18 1001 und 1002, sowie die Motorlok 19.10.

Mit der Nummer 18 201 hat man zwei geniale Grundsätze vereint: Die BR 18.2 war ja bereits bei der Badischen IV f vergeben worden und mit dieser Nr. setzte man dem südddeutschen Lokomotivbau ein würdiges Denkmal. Gleichzeitig hat man mit dieser Nr. die Abgrenzung mit der 18 314 incl. Hierachie gesetzt: 18.2 kommt eben vor 18.3. Noch deutlicher wird dies bei der Vergabe der EDV-Nr., aus der 18 201 wurde die 02 0201-0, die 18 314 wurde zur 02 0314-1.
"Klugscheißermodus aus....." :wink:

Max Baumberg soll ein großer Fan süddeutscher Pazifics gewesen sein, auf dessen Anregung hin wurde die 18 201 als solche einnummeriert. Die 18 314 ging im Tausch mit der 18 434 an von der DB die DR.
Die badischen IV H wurden von Maffei in München entwickelt und gebaut und war speziell für die Rheinstrecke in Baden konzipiert.
Mit 140 km/h war diese Maschine eine der schnellsten Länderbahnmaschinen überhaupt und hat sogar den Einheitskoks 01 und 03 die "Rücklichter" gezeigt. Bei der Zugkraft dürfte zumindest die 01 die Nase vorne gehabt haben, leider habe ich keine Leistungstafeln.
Auf Anhieb fällt mir nur die S 2/6 ein, die schneller war. Allerdigs war diese ein Einzelstück und konnte in punkto Zugkraft nicht mit den Pazifics mithalten.

So, jetzt gehe ich lesen, da wartet ein Link...... :lol:
Grüße
Thomas

Richtige Lokomotiven fangen mit "D" an, also Dampf.... oder Diesel.... :wink:

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