Kennen Sie die Lok 75 096?

#1 von guido , 10.04.2022 13:54

Hallo miteinander,

BR 75? Klar, kennt man, oder? Man denkt an die erfolgreichen württembergischen T5 (BR 75.0) und natürlich die badischen VIb (75.1-3) und VIc (75.4, 10-11), eventuell hat ja auch jemand die 75 1118 schon in Betrieb gesehen. Und dann gibt es natürlich noch die sächsischen XIV HT (75.5), die auch noch zur Reichsbahn der DDR kamen.

Aber Moment - in diese Nummernreihen passt "75 096" nun wahrhaftig nicht, selbst die badischen T5-Maschinen reichten nur bis zur Ordnungsnummer 093. Also was ist das für eine Lok?

Nun, BR 75 bedeutet, es muss eine 1' C 1'-Lok sein. So weit, so gut. Vielleicht eine Privatbahnmaschine, eingereiht in die Staatsbahn in der DDR nach der Verstaatlichung? Eher nicht, denn diese Lokomotiven wurden eingereiht als 75.62-67, z.B. gab es die BStB 1II–4II, die von Borsig für die Brandenburgische Städtebahn (BStB) zwischen 1935 und 1936 gebaut wurden und von denen drei als 75 6679–6681 noch zur Reichsbahn gelangten:


(Quelle: Wikipedia)

Doch auch schon die DRB hatte Privatbahnen verstaatlicht und deren Maschinen eingereiht, und so kamen Loks der Braunschweigischen Landeseisenbahnen (BLE) im Jahre 1938 und der Eutin-Lübecker Eisenbahn (ELE) in 1941 zur Reichsbahn, sie wurden als BR 75.6 eingereiht. Die 75 634 blieb erhalten und ist heute beim VVM in Aumühle:


(Quelle: VVM)

Hier kommen wir unserer Lok schon näher. Nebenbei gesagt gab es auch noch andere 1' C 1' Privatbahnloks, die aber stets privat blieben, so die mit ihren seltsamen Windleitblechen urigen 224-227 der Deutschen Eisenbahn Gesellschaft (Krupp 1935-1937), deren erstere zwei bei der Braunschweig-Schöninger Eisenbahn, letztere bei der Moselbahn liefen:


(Quelle: Eisenbahnstiftung)

Nun, wie verhielt es sich aber mit der Lok 75 096? Im Jahr 1946 kam z.B. die 75 601 (eine der verstaatlichten Loks der BLE) als 75 099 zur Osthannoverschen Eisenbahn, die auch noch andere mehr oder weniger gestrandete 1' C 1'-Maschinen unterschiedlicher Provenienz einreihte. Das waren insgesamt vier Maschinen, 75 096-099. Die Baureihennummer 75 ist also in unserem Fall eine private Nummerierung, daher also die Fehlanzeige bem Stöbern im Staatsbahn-Nummernschema!

Die 75 097 war 1916 als Lok 16 von O&K an die Eisenbahn-Gesellschaft Altona-Kaltenkirchen-Neumünster (AKN) geliefert worden und kam dann nach 1950 zur OHE (hier ein Bild der Schwesterlok 15):


(Quelle: Wikipedia)

Die 75 098, 1940 von Henschel als CT 131 für die Lettische Staatsbahn gebaut, kam 1946 zu den OHE:


(Quelle: https://www.kdtroeger.de)

Die Geschichte der OHE 75 099 (ex DRB 75 601, ex BLE 45) kennen wir schon. Hier noch ein Bild:


(Quelle: https://www.kdtroeger.de)

Fehlt im Reigen nur noch die hier thematisierte 75 096. Leider findet sich kein Bild von ihr bei den OHE. Aber wie diversen Quellen zu entnehmen ist, wurde die Lok, anders als ihre "ungleichen" Schwestern, die von 1961-1964 ausgemustert wurden, bereits Ende der 50er Jahre von den OHE verkauft. Das hing wohl damit zusammen, dass sie zwar ebenso eine 1' C 1'-Maschine war, jedoch mit recht kleinen Kuppelrädern nie wirklich für schnellen Streckendienst vorgesehen war. Daher hatte sie auch nie Windleitbleche. Angeblich stammte die Lok aus einer Reihe von Rangierloks für Hafenbahnen und sollte einigermaßen schnell vorankommen, aber auch durch extrem kleine Radien passen - daher die Achsfolge. Sie gelangte wohl vor Kriegsende nicht mehr zur Auslieferung und kam am 01.04.1946 direkt zu den OHE, die sie als 1' C 1'-Lok den anderen 75ern zuschlugen.
Später dann gelangte die Lok von den OHE zur Erbsbergbahn, wo sie ihre Nummer behielt und gelegentlich im Streckendienst anzutreffen war, aber vorrangig Rangierarbeiten leistete, wie hier zu sehen:


(Quelle: Firmenarchiv EBB)

*****

Jaaaaa.... oder?

Stimmt eigentlich alles, nur die 75 096 gab es leider nie, genau so wenig übrigens wie die Erbsbergbahn - bis auf die in meinem Garten... daher bitte nicht böse sein: Nach der 75 096 zu recherchieren führt nirgendwo hin... sie bleibt ein Lokphantom!

Hintergrund der Geschichte ist, dass ich für meinen Endbahnhof eine Rangierlok brauchte. Nach ein paar Jahren Oxidation fahren praktisch alle Maschinen immer noch bestens im Garten - aber die Märklin-Maxi-B-Kuppler, die ich zum Rangieren nutzte, haben einfach eine zu schlechte Stromaufnahme. Ich brauchte dringend eine Alternative. Noch eine Piko-V20 wollte ich nicht (die andere rangiert im anderen Bahnhof) und die Piko BR 80 finde ich nicht so hübsch. Versuche mit anderen Spur 1-Rangierlokomotiven ergaben, dass ich sehr viel mehr würde putzen müssen, wenn der Rangierbetrieb zuverlässig laufen sollte... Nein, das war's nicht... außerdem wollte ich es gerne einigermaßen preisgünstig haben.

Bei meinem Gebrauchthändler stand eine LGB-99 6001, mit leichten Abbrüchen an der Pufferbohle, analog, für kleines Geld. Da dachte ich, das wäre doch was. Nur wollte ich Reichsbahn-Schmalspur nun nicht auch noch anfangen. Die günstige Lok kaufte ich jedoch, verpasste ihr einen ESU LokPilot 4.0, Hübner-Hakenkupplungen, der Mittelpuffer wich, stattdessen setzte ich aus der Bastelkiste vier Maxi-Puffer an. Den Vorläufer stattete ich mit zwei zusätzlichen Schleifern aus und erhöhte so noch die Stromabnahme, so dass jetzt alle fünf Achsen dazu dienen (warum LGB das nicht von vornherein so vorsah? Komisch...). Schlussendlich recherchierte ich ein wenig zu 1' C 1'-Loks und erfand den Hintergrund für meine kleine Lok, der eigentlich auch gar nicht soooo unwahrscheinlich ist...

Zum Abschluss änderte ich noch die Beschriftungen mit am PC selbst erstellten Schildern. Hier nochmal die Lok in Farbe und die neue Beschriftung:





Die Erbsbergbahn hat zwei "Bezirke": "Garten" und "Berg". Diese Lok darf nicht auf die Zahnradstrecke und ist also im Bezirk Garten. Beheimatet ist sie in "Seeufer", wo die Erbsbergbahn allerdings kein eigenes Bw unterhält - somit bleibt es bei "Bhf Seeufer" als Beheimatung. Sie läuft im Gemeinschaftsbetrieb: Rangiert wird auch für die DB, dafür wird sie in der Bw-Außenstelle versorgt und gepflegt.

Ja, gut, ein bisschen spät für einen Aprilscherz, vielleicht, aber so sehr in die Irre führen wollte ich Euch auch garnicht, schließlich ist die Lok ja ernsthaft im Betrieb. Jedenfalls macht das Rangieren mit der Lok großen Spaß und neben der Piko-64er sieht sie auch ziemlich maßstäblich fast wie eine Hauptbahnmaschine aus...

Viele Grüße,
Guido


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zuletzt bearbeitet 23.07.2022 | Top

RE: Kennen Sie die Lok 75 096?

#2 von Pirat-Kapitan , 16.04.2022 00:06

Moin Guido,
Danke für diese schöne Geschichte zu deiner Lok !

Schöne Grüße
Johannes


Spur G im Garten, H0m im Hause. Lenz LZV100 mit Rocrail auf RasPi, Manhart-Funky und RocoWLM.


guido hat sich bedankt!
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RE: Kennen Sie die Lok 75 096?

#3 von 75 042 , 23.07.2022 18:52

Zitat von guido im Beitrag #1
Hallo miteinander,

BR 75? Klar, kennt man, oder? Man denkt an die erfolgreichen badischen T5 (BR 75.0) und natürlich die württembergischen VIb (75.1-3) und VIc (75.4, 10-11), eventuell hat ja auch jemand die 75 1118 schon in Betrieb gesehen. Und dann gibt es natürlich noch die sächsischen XIV HT (75.5), die auch noch zur Reichsbahn der DDR kamen.

Guido


Lieber Guido,

es tut verdammt weh, die Baureihe 75.0 als badische Lok und die VI b und VI c als württembergische Loks zu bezeichen. Die T5 ist württembergisch!

Bitte korrigiere es.

Gruß Iris


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zuletzt bearbeitet 24.07.2022 | Top

RE: Kennen Sie die Lok 75 096?

#4 von guido , 23.07.2022 19:18

Hallo und hoppla Iris,

der Wortverdreher ist tatsächlich mir, meinem Lektorat, dem Verlag und auch den Lesern der ersten 100.000er-Auflage bislang garnicht aufgefallen :-)

Vielen Dank für den Hinweis, der natürlich absolut stimmt.
Wenn man sich so phantastische Loklebensläufe ausdenkt, kann wohl auch mal was danebengehen.
Aber es ist beruhigend, dass immer irgendwer noch ein bisschen besser aufpasst...

Viele Grüße,
Guido


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BenWah46 und Hombre haben sich bedankt!
 
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