RE: Anleitung: Entfernen von Beschriftungen und Anbringen von Decals

#1 von Viet Bui , 15.07.2017 13:05

Hinweis:
Derzeit läuft meine modellbahnerische Tätigkeit lediglich im reduzierten Maße. Daher sind in diesem Bericht noch keine Bilder zu finden, das werde ich aber bei Gelegenheit nachholen. Vielen Dank für Euer Verständnis!


Hinweis:
In diesem Bericht beschreibe ich meine Herangehensweise, ich erhebe nicht den Anspruch, dass diese Vorgehensweise der einzig wahre Weg ist.


Guten Tag Freunde der gepflegten Modelleisenbahn,

jeder Modelleisenbahner hat so seine Nischen und auch ich habe nach etwa einem Jahr der Hobby-Ausübung meine gefunden, ich setze mit Vorliebe heimische Modelle möglichst vorbildgetreu um.
Außerdem gehöre ich zu den wenigen Modelleisenbahner, die ausschließlich die Eisenbahn der Epoche 6 (2007 bis heute) abbildet.
Daraus ergeben sich verschiedene Probleme: Hersteller versuchen, eine möglichst große Nachfrage zu erzeugen, indem sie massenkompatible Modelle anbieten; wer kauft denn schon z.B. einen NE81 der Württembergischen Eisenbahngesellschaft? Außerdem ist der Markt für Modelle der Epoche 6 noch überschaubar.
Um meinem Thema, der badische Nahverkehr der Epoche 6, gerecht zu werden, muss ich die Modelle also an meine Bedürfnisse anpassen. Ich muss also bei praktisch jedem Modell, das ich besitze, die Beschriftung verändern. Da ich dies mit Erfolg mache, werde ich oft gefragt, wie ich es denn handhabe und daher habe ich mich entschlossen, ein paar Zeilen darüber zu verlieren, um in Zukunft jeden auf diesen Bericht verweisen zu können.

Grundlagen des Entfernens
Modelle erhalten für gewöhnlich einen Grundlack, auf diesem werden dann üblicherweise mit dem sogenannten Tampondruck die Beschriftungen aufgedruckt. Es gilt, diese zu entfernen, ohne den Grundlack übermäßig zu beschädigen. Grundsätzlich unterscheide ich zwischen drei Arten der Entfernung: Die mechanische und die chemische Entfernung. Beide Methoden führen zum Ziel, funktionieren aber unterschiedlich: Bei der mechanischen Entfernung entfernt man die Bedruckung mit Druck und mit Schleifen, während man bei der chemischen Entfernung im Bestfall davon ausgeht, dass nur auf die Bedruckung angesprochen wird, angelöst wird und mit einem weichen Tuch abgewischt werden kann. Die dritte Methode handelt nach dem Prinzip "nicht kleckern, sondern klotzen", manche würden auch sagen, dass man mit Kanonen auf Spatzen schießen würde: Das komplette Neulackieren eines Modells. Teilweise ist dies notwendig, wenn man eine völlig neue/andere Lackierungsvariante umsetzen möchte.

Bisher habe ich verschiedene Methoden erfolgreich verwendet:

    Radiergummi (m)

    Zahnpasta (m)

    gemahlenen Bimsstein (m)

    Schleifpapier (20.000er Körnung) (m)

    1-Methoxy-2-Propanol (c) (z.B. Lux DLE90)



Doch bevor ich zu den Verfahrensweisen komme:
Der Lack darunter leidet immer!
Es ist eine Illusion, zu hoffen oder zu glauben, dass ein solch erheblicher Eingriff in das Modell völlig spurenlos bleibt. Egal, wie vorsichtig man arbeitet, auch mit der besten Methode wird man den Lack unter der Bedruckung angreifen. Die Frage, die sich stellt, welche Methode den geringsten Kollateralschaden hinterlässt.

Die Vorbereitung
Ich gehe davon aus, dass man weiß, wie man ein Gehäuse vom Rest trennt. Bevor man überhaupt irgendetwas macht, sollte der Arbeitsplatz sauber und ordentlich sein. Bei guter Beleuchtung muss man das Gehäuse genau inspizieren: Welcher Farbton hat der Grundlack, wie dick sind die Bedruckungen aufgetragen worden, wie ist der Kunststoff selbst beschaffen? Es gibt
leider keine Regeln, für welches Modell/welchen Hersteller sich welche Methode am besten eignet, das sind Erfahrungen die man machen muss.


Bevor man zum Eingemachten kommt, sollte man sich die Gehäuseinnenseite genauer anschauen. Diese gibt Rückschlüsse über die Beschaffenheit der Lackierung, außerdem kann man dort ausprobieren, wie der "Grundlack" auf die verschiedenen Entfernungsmethoden reagiert.

Die mechanische Methode
Generell empfiehlt es sich, mit dem Radiergummi zu beginnen. Er ist von der Konsistenz besonders fein und hinterlässt die geringsten Spuren am Kunststoff. Die Wirkung des Radiergummis ist hierbei recht gering. Hat der Hersteller die Bedruckung besonders dick ausgeführt, kommt man mit einem Radiergummi nicht weit. Bei Brawa empfiehlt es sich eigentlich immer. Zahnpasta hat jeder zu Hause, auch dieser, man glaubt es nicht, eignet sich zum Entfernen von Bedruckungen. Zahnpasta enthält für gewöhnlich feinste Schleifkörper, um die Zahnoberfläche von Verfärbungen zu reinigen und zu polieren. Diesen Effekt kann man sich zunutze machen. Man trägt also auf die zu entfernende Bedruckung Zahnpasta auf und reibt geduldig und vorsichtig mit einem Wattestäbchen an der Stelle, langsam dürfte die Bedruckung sich entfernen lassen.



Die chemische Keule
Doch die mechanische Methode ist nicht überall die perfekte Wahl, gerade, wenn es darum geht, Bedruckungen auf klarem Kunststoff (z.B. Fenstereinsätze) zu entfernen. Denn dort machen sich Kratzer, auch feine, schnell bemerkbar. So muss man auf die chemische Keule zurückgreifen, die die Bedruckung anlöst und sich so leicht abwischen lässt. Allerdings muss man, wie es jedes Reinigungsmittel kleingedruckt empfiehlt, an einer unauffälligen Stelle ausprobieren (z.B. innen am Gehäuse), auch um zu testen, wie das Kunststoff auf das Mittel reagiert. Ich hatte nämlich bereits den Fall gehabt, dass bei einem Busmodell von Rietze das Kunststoff regelrecht angelöst wurde. Ich benetze ein Wattestäbchen mit dem Druckentferner und reibe sehr sanft auf die zu entfernende Bedruckung, am Anfang passiert nicht viel: Doch fransen die Konturen erst einmal, geht es ganz schnell. Ihr braucht ein neues Wattestäbchen, sobald das alte voller Farbe ist oder es "trocken gelaufen" ist. Wenn Ihr dabei seid, bedruckte Fenstereinsätze zu reinigen, wie z.B. beim ET 56 von Trix, dann können die Scheiben unter Umständen etwas matt wirken. Dann nehmt ihr ein Kosmetiktuch, benetzt es mit dem Druckentferner und wischt dann über die Fenster, danach sollten die Fenstereinsätze so klar sein wie am ersten Tag.


Mit dem Lux DLE90 kommt man auch den Gardinen des ET 56 von Trix bei.

Ein wichtiger Hinweis
Beim Entfernen gilt wie beim Salzen: Lieber zu wenig als zu viel, nachsalzen kann man immer! Ich kann Euch nur wärmstens empfehlen, lieber mit wenig Druck, aber dafür mit viel Geduld an die Sache zu gehen. Nacharbeiten kann man immer - doch wenn man zu schnell ist und der Lack unter der Bedruckung sich ebenfalls auflöst, dann ist das Kind in den Brunnen gefallen. Ist dies der Fall, hilft eigentlich nur noch die Luftpistole, indem man die betreffende Stelle lackiert. Das ist nicht ganz einfach, denn nur in seltensten Fällen halten sich Hersteller an die gegebenen RAL-Farbtönen (das ist vom Kunde unerwünscht).

Habt Ihr alles richtig gemacht, habt Ihr die die Bedruckung entfernt worden, ohne dass das sichtbar ist; allenfalls ist die Stelle glänzender als der Rest. Kommt auf dieselbe Stelle ein Nassschiebebild darauf, ist das sogar der perfekte Untergrund. Wenn nicht, ist nach einer Schicht Klarlack (matt, seidenmatt oder glänzend, das ist Eure Entscheidung) alles unsichtbar.

Das Anbringen von Nassschiebebildern
Das Anbringen von Nassschiebebildern ist meiner Meinung nach nicht ganz so trivial wie man glauben würde. Die meisten glauben, dass man das Nassschiebebild in Wasser einweichen muss und dann einfach auftragen kann. Und so machen es tatsächlich viele und scheitern: Mit großer Sicherheit wird das Nassschiebebild sich wieder vom Modell lösen und ich kann Euch sagen, der Frust wird groß sein. Der erste Fehler ist das Einweichen, denn wenn man das Nassschiebebild zu lange eintaucht, löst sich der Kleber im Wasser auf. Doch beginnen wir von Anfang an:

Wie immer ist eine saubere Arbeitsweise das A und O: Ein sauberer Arbeitsplatz mit allen benötigten Materialen und Werkzeugen sollte vorhanden sein. Benötigt werden:
    Schneidematte

    scharfes Skalpell

    Stahllineal

    demineralisiertes Wasser (entspannt mit Spülmittel)

    Decal-Weichmacher

    Pinzette

    Pinsel und Kosmetiktücher

Andere schwören noch auf Haftverbesserer, aber ich verzichte seit geraumer Zeit darauf.



Wichtig ist, dass der Bogen mit den Nassschiebebildern sowie die Stelle, auf das das Nassschiebebild aufgebracht werden soll, absolut sauber ist. Dazu dienen der Pinsel und ein (feuchtes) Kosmetiktuch.
Generell empfehle ich, Bedruckungen mit dem Nassschiebebild nicht zu überkleben, sondern diese vorher zu entfernen. Es kann sein, dass die Beschriftung erhaben ist und daher sichtbar sein kann. Nassschiebebilder halten generell auf glänzenden Oberflächen besser als auf matten. Es kann daher also Sinn machen, die zu beklebende Stelle mit Klarlack zu behandeln.
Danach schneidet man mit dem Skalpell und den Stahllineal die Nassschiebebilder knapp aus: Ein Lineal oder ein Geodreieck aus Kunststoff eignen sich nicht, obwohl sie aufgrund ihrer Transparenz praktischer wären: Das Skalpell kann sich in das Geodreieck "hineinschneiden" und damit auch das Nassschiebebild zerschneiden. Wichtig ist auch das scharfe Skalpell, denn eine stumpfe Klinge "reißt" nur und beschädigt nicht nur das Nassschiebebild, sondern erhöht die Gefahr, das Nassschiebebild zu zerschneiden.
Manchmal sind die Nassschiebebilder sehr schwierig auf dem Trägerpapier zu erkennen, trotz Lupe: Man kann das Trägerpapier von unten mit Edding anfärben.

Nachdem man die Schneidarbeit erledigt hat, taucht man die Nassschiebebilder, je nach Größe, kurz in das entspannte Wasser und lässt die Nassschiebebilder anschließend an der Luft einweichen. Danach kann man das Nassschiebebild samt des Trägerpapiers auf das Modell legen. An die Stelle trage ich ein wenig Weichmacher auf. Dann kann man mit einem Pinsel das Nassschiebebild vom Trägerpapier lösen und positionieren; je weniger man korrigeren muss, desto besser. Überschüssige Flüssigkeit kann man mit einem Stück Kosmetiktuch entfernen (Stichwort: Kapillarkraft!). Dann lässt man das Nassschiebebild etwas ruhen. Nach etwa fünf Minuten trage ich auf das Nassschiebild noch etwas Weichmacher auf, dadurch schmiegt sich das Nassschiebebild besser an die Oberfläche an und die Ränder sind weniger sichtbar. Das Nassschiebebild wird zwar "faltig", doch das ist kein Grund zur Sorge, das ist völlig normal und verschwindet auch wieder.

Auch mir passiert das mal (deswegen bestelle ich zur Sicherheit immer mehr Nassschiebebilder als ich tatsächlich benötige), dass man ein Nassschiebebild nicht optimal aufgelegt hat. Das kann man in der Regel noch korrigieren, indem man etwas Flüssigkeit aufträgt und mit einer spitzen Pinzette das Nassschiebebild vorsichtig an der Ecke anhebt und wieder richtet.

Wichtig ist, dass man erst einmal eine komplette Seite fertigstellt. Es wird oft geschrieben, dass man nicht am selben Tag beide Seiten bekleben soll (das Gehäuse liegt ja) und so lange der Kleber nicht vollständig angetrocknet ist, besteht die Gefahr, dass die Nassschiebebilder tatsächlich noch verschoben werden.

Wenn das Gehäuse fertig beklebt wurde, wird das Gehäuse mit Klarlack (ganz gleich ob matt, glänzend oder seidenmatt) lackiert. Das sorgt zum einen für einen Griffschutz, zum anderen wird damit verhindert, dass das Nassschiebebild altert und abblättert. Außerdem verschwindet das Nassschiebebild noch besser auf der Oberfläche.


Die Betriebsnummer und das Taufwappen sind Nassschiebebilder.

Ich hoffe, dass ich Euch mit diesem kleinen Bericht einen Einblick in die verschiedenen Methoden geben konnte. Wer eine weiterführende oder spezielle Frage hat, kann diese gerne als Beitrag formulieren.

Grüße,
Viet


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RE: Anleitung: Entfernen von Beschriftungen und Anbringen von Decals

#2 von klein.uhu , 15.07.2017 13:18

Moin,

Frage zum verwendeten Radiergummi - denn da gibt es sehr viele verschiedene:
- Nylonradiergummi (klar-milchig)?
- weißer Radiergummie?
- weißer Zeichentusche-Radiergummi?
- sogenannte "Tintenradierer" blau oder rot?
Einen normalen Radiergummi gibt es eigentlich nicht, Gummi ist das meist schon lange keiner mehr.
Wichtig ist, ob da Schleifmitteln oder Korund o.ä. enthalten ist oder nicht.

Kannst Du Deinen bitte nennen?


| : | ~ analog

Gruß von klein.uhu
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RE: Anleitung: Entfernen von Beschriftungen und Anbringen von Decals

#3 von Viet Bui , 15.07.2017 16:39

Zitat

Frage zum verwendeten Radiergummi - denn da gibt es sehr viele verschiedene:
- sogenannte "Tintenradierer" blau oder rot?



Guten Tag,

tatsächlich meine ich die blaue Seite des Radiergummis, also der ominöse "Tintenradierer":
Dieser enthält wie Zahnpasta Schleifpartikel aus Glas, Bimssteinmehl oder Quarz.

Grüße,
Viet


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