Preiswerter Turbo für nicht mehr ganz frische Photons

#1 von Bessunger , 29.01.2022 22:20

Hallo liebe dreidimensionale DruckexpertInnen (m/w/d),

nachdem ich mir vor gut einem Jahr einen Ender zugelegt hatte, war mein Resindrucker - ein wackerer Anycubic Photon der ersten Serie - ein bißchen in die zweite Reihe gerutscht. Man kann ja über die Würstchenleger sagen was man will, aber sie drucken brauchbare (wenn auch nicht immer ästhetisch optimale) Teile. Und natürlich musste ich auch hier erstmal wieder einige Lernkurven durchfahren, bis ich nun ganz gut mit dem FDM-Gerät klarkomme. Wobei ich im Gegensatz zu einigen Spezialisten hier in diesem Unterforum natürlich noch immer auf der untersten Flugfläche unterwegs bin und mir auch niemals auch nur im Ansatz Expertentum anmaßen würde. Ich wurschtel halt so rum. Macht Spaß.

Zurück zum eigentlichen Thema: Der Photon kam im Schatten des Ender im letzten Jahr eher sporadisch zum Einsatz, erst bei der Produktion meiner Zahnradlokomotive rückte er mal wieder in den Fokus. Wie gut unterrichtete Forumskollegen und -kolleginnen wissen, arbeitet dieser Drucker mit einem RGB-Screen. Damals (vor satten drei Jahren!) gabs nix anderes, wobei die Drucker der ersten Consumer-Generation ja schon recht ordentlich funktioniert haben. Nun hat das Farbdisplay so seine Nachteile, die es ständig mit sich rumschleppt: Eigentlich muss es ja nur schwarz oder durchsichtig darstellen, es ist aufgrund des Schichtaufbaues der verschiedenen Farben (da, wo es belichten soll) nicht gerade ein Muster an Lichtdurchlässigkeit und es hält nur 500 Stunden, bis es - genervt von der ständigen Bestrahlung mit UV-Licht - seinen Geist aufgibt.

Mein Drucker arbeitete sich langsam auf diese Grenze zu. Ein Ausfall des vom künstlichen Sonnenschein zermürbten Screens war täglich zu erwarten.

Außerdem arbeiten die aktuellen Modelle inzwischen mit Monochrom-Screens, die schärfer, dünner, erheblich besser durchleuchtbar und vor allem mit fünffacher Lebenserwartung gesegnet sind. Zeit für einen - schnelleren, besseren - neuen Drucker? Ich knipste also Youtube an und machte mich schlau, was sich da aktuell so am Markt tummelte.

Aber irgendwie tat mir der kleine schwarze Kasten auch leid. Eigentlich doch ein stabil konstruierter Geselle mit Blech an Stellen, wo seine Enkel mit Kunststoff aufwarten. Einer ordentlichen Tür statt eines umgedrehten durchsichtigen Eimers. Außerdem eigentlich völlig in Ordnung. Board, LED, Resinbehälter, alles noch tippi-toppi. Ein Forumskollege hat mal aus einem Photon ein Vogelhäuschen gebaut. Nette Idee. Aber da muss es doch noch andere Möglichkeiten geben. Ein Austausch-RGB-Screen kostet um die 40 Euro. Aber ist halt doch wieder nur ein Farbscreen mit allen seinen Nachteilen.

Bei meinen investigativen Reisen durch YT stolperte ich dann über einen ganz leicht skurrilen, aber sehr sachverständigen jungen Mann, der schonmal einen Photon auf aktuellen Stand "aufgebohrt" hatte. Das wäre aber vom Kosten-/Nutzenverhältnis vollkommen deppert, weil es vom Preis der Teile (Board, Screen, Lichtquelle) schon relativ hart an den Neupreis eines aktuellen Druckers rankommt. Das hat er auch erkannt. Und vor allem die Firma Chitu wurde darauf aufmerksam. Der Name ist bekannt von dem Slicer "ChituBox", den viele Resin-Aficionados benutzen (und der dafür den FDM-Slicer Cura auf dem selben Rechner automatisch zerschießt, aber das ist eine andere Geschichte...)

Notabene: Ich kriege nichts von Chitu für die Vorstellung dieses Kits, meins habe ich brav selber bezahlt und wenn es Murks gewesen wäre, hätte ich es hier in aller Form kundgetan. Ich finde es eine gute Idee, um ein bißchen nachhaltiger zu arbeiten und möchte es euch deswegen gerne hier vorstellen.

Nun machen die Chitu-Jungs/Mädels/Diversen ja deutlich mehr als einen guten Slicer mit unerwarteteten Nebenwirkungen. In vielen Resindruckern ist nämlich Chitu drin, weil die Mainboards und auch die Screens von diesem Zulieferer kommen. Und da wird es schlagartig interessant. Yasu, der junge Mann mit der markanten Brille, hat die Chitu-Leute nämlich auf die Idee gebracht, preislich sehr überschaubare Upgrade-Kits auf den Markt zu bringen, die lediglich den Screen gegen eine Monochrom-Version austauschen und damit erheblich weniger finanziellen und arbeitsmäßigen Aufwand fordern als die Totaloperation, die Yasu mit seinem ersten Photon gemacht hat.

Aber lassen wir ihn doch einfach selbst das Ganze erklären:



Tatsächlich ist man mit dem selben Preis wie der RGB-Screen - um die 40 Euro - (Free Shipping!) dabei, die Lieferung des Kits erfolgt innerhalb weniger Tage aus Tschechien. Und das Kit sieht so aus:



Was da so nonchalant obendrauf gepappt wurde, ist ein wichtiges Teil speziell für den Photon 1: Ein Adapter für den Anschluss des Screens. Hier liegt nämlich der einzige kritsche Aspekt des Umbaus: Steckt man den Screen falsch herum oder ohne Adapter aufs Board, gibt's lecker gegrillte Spannungsregler und eventuell getoasteten Screen als Beilage. Eher unverdaulich.

In der Kiste ist nicht viel drin, außer dem Screen und einer neuen Acrylscheibe für darunter. Außerdem noch ein paar Doppelklebestreifen zur Befestigung des neuen Screens:



Vom Umbau selbst habe ich keine Fotos, das sieht man im Video von Yasu aber ganz gut. Eigentlich sind es nur 6 Schrauben - wobei ich die Belichtungseinheit auch abgeschraubt habe, was die Demontage des alten und die Montage des neuen Screens sehr erleichtert. Also dann 10 Schrauben. Alter Screen raus, Klebereste abfieseln, neue Klebestreifen drauf, neuer Screen rein (Abbildung auf der Chitu-Webseite zur richtigen Anbringung des Adapters beachten!), alles wieder festschrauben.
Dann Drucker an, die neue Firmware gibt's zum kostenlosen Download bei Chitu. Das sind zwei Files, die man auf den USB-Stick kopiert und dann am Drucker wie Druckjobs startet. Einiges an Gepiepe, Display geht aus, Drucker aus- und wieder einschalten. Fertig.

(OK, ich habe natürlich vergessen, eines der beiden Files auszuführen und dann hat der nagelneue Screen beim ersten Test nur grau geflimmert... Nachdem ich aus der schlagartig einsetzenden tiefen Gemütsverfinsterung wieder aufgetaucht war und zwischenzeitlich den Adapter nochmal sinnloserweise kontrolliert hatte, erkannte ich in einem seltenen lichten Moment meinen Fehler und dann war alles knorke.)

Und? Das wirkt auf Oppa Photon wie ein schöner Doppelherz-Speed-Cocktail. Plötzlich läuft der gute alte Resinplantscher zu ungeahnter Form auf. Ich drucke gerade mit 2,5 Sekunden Belichtungszeit pro Schicht! Das hat sich mehr als gelohnt.

Jetzt erhebt sich in den einschlägigen Expertentreffs im Internet ein verächtliches Lachen: Dieser Screen hat ja nur Full-HD-Auflösung, also 1920x1080 Pixel! Das ist in der Tat ein erstmal saftiger Rückschritt in der Auflösung gegenüber dem mit 2560x1440 auflösenden Originalscreen. Aber man bedenke, in welchen Dimensionen wir uns hier bewegen. Der Full-HD-Screen hat eine Pixelgröße von 63 µm gegenüber 47 µm beim Original. Das haut rein rechnerisch rein, in der Realität bewegen wir uns aber dabei immernoch im Bereich eines viertel Menschenhaares. Ich habe keinen sichtbaren Unterschied bei den Drucken erkennen können. Yasu stellt in seinem Video auch Drucke vor/nach dem Umbau gegenüber. Man muss ja auch bedenken, dass der Monochrom-Screen mit höherer Schärfe punktet, wo der Farbscreen alleine wegen seiner höheren Dicke und der notwendigen Belichtungszeiten Auflösung "wegbügelt".

Fazit: Ich finde das Upgrade lohnend. Es ist mit überschaubaren Kosten und einer entspannten Dreiviertelstunde an Bastelei verbunden. Die Belichtungszeiten vierteln sich dafür. Der Auflösungsverlust ist m.E. zu verschmerzen. (By the way: Die aktuellen 2K-Auflösungsdrucker haben aufgrund ihrer zum Teil erheblich größeren Screens auch keine wirklich höhere Auflösung als der erste Photon! Sie liegen im 2K-Bereich bei um die 50 µm.)

Also: Full-HD statt Futterhäuschen und ein paar Ressourcen geschont. Natürlich bleibt das andere Problem des Photon - seine nicht besonders intelligent konstruierte Z-Achse - bestehen. Aber für die meisten Teile reicht das aus - oder man hängt noch 80 Euro für ein Linearrail-Kit dran, da wird's aber natürlich schon langsam wieder grenzwertig.


Beste Grüße,

Harald

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zuletzt bearbeitet 31.01.2022 | Top

RE: Preiswerter Turbo für nicht mehr ganz frische Resinplantscher

#2 von Janus , 30.01.2022 08:50

Ein sehr schöner Bericht! Und eine gute Lebeseinseinstellung.
Muss ja nicht gleich alles in den Müll wandern oder als Vogelhaus enden.

Anmerkung: Den Titel würde ich anpassen. Dann steigt die Chance, daß es einer findet, der das gleiche Problem hat.

Danke
Jan


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RE: Preiswerter Turbo für nicht mehr ganz frische Resinplantscher

#3 von Claus60 , 02.02.2022 10:20

Hi.
Ich stand mit meinem Elegoo Mars der ersten Generation vor fast genau demselben Problem. Auch hier war das RGB Display hinüber. Der Umbau auf Monochrom- Display war auch ganz oben auf meiner Agenda. Denn diese Umbau- Kits gibt es nicht nur für alte Photons, sondern auch für alte Mars... Letztendlich bin ich aber doch einen anderen Weg gegangen und habe mir einen neuen Drucker gekauft. Vorrangig, weil ich ihn letzte Woche über Banggood zu einem extrem niedrigen Preis (115€ incl. Versand aus Spanien) bekommen habe und zweitens, weil der "Neue" dann doch noch mehr Vorteile als nur den Mono- Screen hat. Der Creality Halot One (Creality, sollte bekannt vorkommen, die bauen ja die Ender Drucker) hat z.B. einen um ca 20% größeren Bauraum als der Mars oder Photon, ist sehr solide gebaut (bessere Z- Achse als der Mars) und hat Wlan. Vor allem letzteres ist super, denn das ständige ein- und aus- Gestöpsel des (auf 4 GByte begrenzten, also nur noch schwer aufzutreibenden) USB Sticks ging mir schon lange auf den Sa...k. Ich habe dem Drucker eine Smart Steckdose gegönnt und kann den Druck komplett vom PC aus anleiern. "Alexa, schalte 3D Drucker ein", einen Moment warten und dann aus dem Slicer die Daten zum Drucker rüber schicken und per Handy- App den Druck starten, ohne überhaupt zum Drucker hinlaufen zu müssen, hat schon was.

Zumindest stelle ich mir das so vor. Denn der Drucker ist noch gar nicht hier . Er soll theoretisch heute kommen, aber ich befürchte, das wird sich noch um 1, 2 Tage verzögern. Wenn er da ist, werde ich bei Interesse berichten, wie er sich so schlägt.


Danke fürs Lesen, Claus

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RE: Preiswerter Turbo für nicht mehr ganz frische Resinplantscher

#4 von Bessunger , 02.02.2022 11:22

Hallo Claus,

na klar ist das bessere immer Feind des Guten. Ein neuer Drucker ist ein neuer Drucker, besonders drei Jahre später... Über kurz oder lang werde ich bestimmt auch schwach werden, alleine das Argument mit dem größeren Bauraum ist natürlich bestechend. Der HALOT macht auch von der Papierform her einen sehr guten Eindruck. Und der Preis ist natürlich der Hammer.

WLAN wäre jetzt bei mir nicht so ausschlaggebend, meine Drucker stehen im Keller und der Ender ist über einen Octopi und DLAN angebunden. Über die Kamera des benutzten Rapsberry Pi kann man den Druck überwachen, alles knorke. Das wäre jetzt auch eine gute Anwendung für WLAN - Überwachung des Druckvorganges. Aber trotzdem muß man selbst beim Ender vor jedem Druckstart mal selbst am Drucker gewesen sein, sei es nur um das vorhergehende Werkstück zu entfernen und das Druckbett zu putzen, oder das Filament zu wechseln. Bei den Resinschüsseln kommt dann noch dazu, dass sich die stinkige Brühe ja relativ schnell absetzt und man sie deswegen nicht über längere Zeit im Vat stehen lassen kann. Also doch wieder hin zum Drucker zum Plörre einfüllen, dann ist das bißchen Stick rein und raus das geringste Problem.

Ich denke, ich habe dem "ollen" Photon nochmal eine "Fristverlängerung" gegeben, und der Aufwand von gut 40 Euro ist angemessen. Da bei den Neupreisen gebrauchte Resindrucker eher nicht zu sinnvollen Preisen zu verkaufen sein dürften, wird er eh bei mir alt werden, auch wenn irgendwann einer seiner Enkel auf der Werkbank steht.


Beste Grüße,

Harald

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