Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#1 von Kupzinger , 18.03.2023 23:04

An dieser Stelle möchte ich von einem kleinen Diorama-Projekt berichtet, dass wenige Meter einer Nebenbahn darstellt.





Etwa dreißig Kilometer nördlich von Wien windet sich die private Bahnstrecke Korneuburg – Ernstbrunn durch die Hügel des Weinviertels. Und sie windet sich wirklich stark, sogar mit einer 180°-Kehre https://goo.gl/maps/Qo6yqwrd7MaiSezM6 und Radius 147 m.
Um meine Gestaltungstechniken zu erweitern und auch neue Anregungen für eine abwechslungsreiche Naturgestaltung rund um einen Bahndamm zu bekommen, habe ich bei diesem Projekt sehr genau das Original studiert und auch den Zollstock das eine oder andere Mal angelegt. Meine Familie hat das für sehr nerdig gehalten. „Fährst Du schon wieder den Baum da draußen nachmessen?“ Ich habe aber einiges dabei gelernt, und das möchte ich gerne hier zeigen.

Thema des Dioramas: der Kilometer 15,6 der österreichischen Strecke Korneuburg – Ernstbrunn.

Absichtlich habe ich nur eine profane Situation gewählt – ein Baum, ein Gleis und ein Schaltstellenpflock, d.h. ein Signal, welches den Kontakt für eine Blinklichtanlage markiert.





Neu für mich waren: ein originales Höhenprofil nachzubilden, einen Baum ohne Blätter im Februar-Look, winterliche Landschaft ohne Schnee, und ein recht tiefer Entwässerungsgraben, der offenbar in jüngerer Zeit ausgehoben worden ist. Außerdem sollte mein neues Spur N Modellgleis zum Einsatz kommen, mehr dazu etwas später.


Der Untergrund

Von der ausgesuchten Stelle der Strecke gibt es zum Glück ein brauchbares Luftbild, im dem man sogar die Lage von Doppelschwellen, welche der Gleiskörper dort noch aufweist, erkennen kann. Ich hatte ein Stück 5 cm starkes Styrodur in der Restekiste, das wurde sofort mit einem in 1:160 skalierten Ausdruck des Luftbilds rund um dem Baum belegt, um zu schauen, wie viel tatsächlich draufpasst.





Viel ist’s nicht, aber es soll ja auch ein kleines Übungsdiorama und kein wandfüllendes Ausstellungsstück werden. 26 cm x 18 cm misst die Grundfläche des Dioramas.

Als nächstes ging es an die Styrodurschnitzerei. Den Gleisverlauf habe ich markiert (oben und an den Enden) und mich daran orientiert. Nach diversen Fotos habe ich dann das „Rundherum“ geformt. Dabei sind zwei Werkzeuge zum Einsatz gekommen: ein Bastelmesser mit herausschiebbarer Klinge, und eine Raspel um Rundungen zu Formen und Oberflächen aufzurauhen. Einige Ausbesserungen habe ich dann noch mit Modelliermasse aus der Drogerie gemacht.







Bei dieser Arbeit sind mir gleich einige Fehler unterlaufen, wie sich im späteren Verlauf dann herausgestellt hat.

Erstens: der Graben ist etwas zu tief geraten. Ich habe bei einem zweiten Besuch nachgemessen: 1,4 m bzw. etwas über 8 mm in N. Das ließ sich leicht durch Anfüllen mit Sand regeln.

Zweitens: der vordere Bereich (das niedrige Terrain im Innenbereich des Bogens) ist ein paar mm zu weit abgesenkt. Schwer zu sagen wieviel, weil ich die Höhenlage dort nur mit Zollstock und Augenmaß nur schwer bestimmen konnte. Nicht so schlimm, fällt später nur auf wenn man 1:1 vergleicht.

Besonders gefinkelt und zukünftig relevant das dritte Problem: der Bahndamm müsste außen breiter sein als innen im Bogen. Denn das Gleis ist überhöht. Das Schotterbett ist daher außen höher als innen und braucht also auch mehr Platz außen als innen. Das habe ich erst beim späteren Schottern bemerkt und musste dann noch mit einer geeigneten Masse den Damm außen verbreitern.








Na ja, das alles hatte ich zu dem Bauzustand der hier gezeigten Bilder nicht gesehen. Sodann wurde die ganze Oberfläche mit einer Leim-Farbe-Mischung eingepinselt und feiner braungrauer Sand unregelmäßig eingestreut. Den Sand habe ich mal von einem Donaustrand mitgenommen. Käuflicher „Staub“ oder „Steinmehl“ ist aber auch geeignet. Zwei Feldwege wurden gemäß Luftbild mit einem Modell-Traktor eingeprägt.



Wird fortgesetzt.

Liebe Grüße
Kupzinger



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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#2 von Kupzinger , 19.03.2023 10:04




Das Gleis


Als nächstes kommt das Gleis an die Reihe. Das Gleis soll der Star des Dioramas sein, denn es ist selbstgebaut und wartet mit maßstäblicher Profilhöhe sowie Kleineisennachbildung auf. In Spur N ist bisher kein Modellgleis mit diesen Eigenschaften in Großserie erschienen. Aufgrund der Spurkranzdimensionen (Maximalwert in meinem Fuhrpark 1 mm bei Minitrix) muss auf die Nachbildung der inneren Befestigungsschrauben für die Schienen leider verzichtet werden.





Zum Bau meines Spur N Modellgleises verwende ich einen Schneidplotter. Dieser hat mir zunächst einmal den Gleisuntergrund in geeignetem Radius aus Pappe ausgeschnitten. Auf den Untergrund kommen Schienenhalter aus transparentem Kunststoff. Die Schienen werden in die hochgebogenen Schienenhalter eingelegt und später dort mit flüssigem Sekundenkleber fixiert. Dazwischen kommen Schwellen aus Balsaholz und Rippenplatten aus selbstklebendem Vinyl-Material. Das genaue Verfahren ist hier beschrieben: Pyrkerbahn in N: Feine Gleise mit dem Schneidplotter (20).








Die Schwellen schneidet auch der Schneidplotter aus 1 mm Balsaholzbrettchen. Darin befinden sich kleine Ausschnitte, durch welche die Schienenhalter greifen und für eine korrekte Gleislage sorgen. Die Schwellen werden mit Beize eingefärbt, so dass die schöne Holzstruktur erhalten bleibt. Dafür ist wichtig, dass man vor dem Beizen so wenig wie möglich mit Kleber an den Schwellen herumfuhrwerkt, damit keine unschönen blanken Stellen bleiben.






Der Schwellenabstand beträgt bei meiner Nachbildung 4,3 mm. Das sollte auf einige Hundertstel dem Original-Abstand entsprechen. Allerdings sind meine Schwellen konstruktionsbedingt etwas breiter als die der Vorbildstrecke. Ich kann sie nicht schmaler machen, weil sie sonst im Bereich der Ausschnitte für die Gleishalter instabil werden und dann oft zerbröseln.





Das Gleis wird zum Testen lose aufgelegt und entsteht abseits des Dioramas. Untergrund aus Fotokarton, darauf die Schienenhalter aufgeklebt, dann Schwellen lose aufgelegt, Rippenplatten in Streifen obendrauf, dann beizen, schließlich Schienenprofile einkleben. Für das Kleben der Profile verwende ich flüssigen Sekundenkleber und habe mir eine eigene Dosierkanüle aus einen Stück Messingrohr gemacht. Der Kleber sickert wunderbar in die Schwellen ein und fixiert diese gleich mit. Er soll zwischen Schienen, Rippenplatten und Schwellen gut eindringen. Leider fließt er gerne auch mal seitlich auf die Code 40 Profile, das schaut dann nicht sehr gut aus. Dafür die Dosierhilfe.






Mit der Farbe der Schienen habe ich auch eine Zeit herumexperimentiert. Dem Vorbild entspricht in etwa der Revel Aqua Color Farbton 84 „Lederbraun“. Das habe ich mit einem feinen Pinsel auf Schienen und Kleineisen aufgebracht (unter der Lupe). Anschließend muss die Gleisoberfläche gesäubert werden. Ich habe dafür diesmal keinen Roco-Rubber, sondern einfach meine Fingernägel genommen … geht genauso.





Allerdings sieht man in der extremen Vergrößerung, dass die Farbe an der Kante dazu neigt, etwas zu bröckeln (weil sie schnell trocknet und beim Entfernen vom Schienenkopf schon ausgehärtet ist). Ich werde beim nächsten Projekt einen Versuch mit brünierten Profilen machen. Das sollte einiges an Arbeit sparen und nicht diesen Bröckel-Look haben.




Schließlich habe ich das fertige Gleis außen mit einem schmalen, 0,5 mm starken Pappstreifen unterfüttert bzw. überhöht und dieses mit Leim auf das Styrodur-Gleisbett geklebt. Die Schwellen wurden danach noch mit Pulverfarben etwas verwittert. Damit ist die ganze Konstruktion bereit für den Schotter.





Wird fortgsetzt....

Liebe Grüße
Kupzinger



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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#3 von reinout , 19.03.2023 19:14

Das ist eine nette Übung, um das Höheprofil und die Landschaftsformen auch exact maßstäblich nachzubauen!
"Das Gleis soll der Star des Dioramas sein", aber die Rest ist auch okay :)

Reinout


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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#4 von Kupzinger , 19.03.2023 21:11

Hallo Reinout,

danke :) Hihi, exact ist es nicht, zumindest nicht nach den Anforderungen, die wir an Modelle stellen ...

Liebe Grüße
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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#5 von reinout , 19.03.2023 21:42

Na ja: so lange die Anzahl an unterirdische Maulwurfen stimmt, wird kein Nietenzähler über eine Höhezentimeter mehr oder weniger meckern :)

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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#6 von Kupzinger , 19.03.2023 21:44

Ach so. Ja, die stimmt natürlich



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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#7 von Kupzinger , 20.03.2023 11:28




Der Schotter

Beim Schottern habe ich die üblichen Techniken eingesetzt. Der wichtigste Schritt war die Auswahl des Schottermaterials. Damit sollte man sich etwas Zeit lassen, das habe ich schon bei vorherigen Projekten gelernt, oder bei größeren Vorhaben auch mal ein Experiment machen. Siehe auch RE: Schotter im großen Vergleich. Denn es ist sehr ärgerlich, wenn am Ende das Schotterbett zu dunkel oder zu blass oder zu grobkörnig ist.

Der Schotter im Original hat eine eher gräuliche Farbe, und ist recht hell. Fotos unter verschiedenen Beleuchtungssituationen sind bei der Auswahl der Schotterfarbe sehr hilfreich. Ich habe festgestellt, dass ein Modelllbahndamm gut wirkt, wenn zwischen Schwellen und Schotter sowohl ein leichter Helligkeits- wie auch Farbkontrast besteht. Ansonsten tendiert das Gleisbett zu einer undefinierten Masse zu werden. Bei meinem Vorbild sind diese Kontraste auch zu beobachten.




Aus der Ferne erkennt man bei genauer Beobachtung auch, dass das Schotterbett im Außenbogen breiter von der Gleismitte gemessen ist als im Innenbogen. Das liegt wie oben beschrieben an der Überhöhung. Der Schotter der Strecke wurde offenbar vor nicht allzu langer Zeit großflächig instandgesetzt, jedenfalls finden sich in der Gegend keine farblich abweichenden Ausbesserungsstellen.






Zur Vorbereitung für das Schottern habe ich die Enden des Dioramas mit schräg zugeschnittenen Begrenzungen temporär beklebt, so dass der Schotter nicht am Rand herunterrieselt. Sodann habe ich Diabasschotter von koemo mit einem kleinen Löffel aufgebracht und mit einem weichen Pinsel in Form gekehrt. Lieber zu wenig als zu viel. Nachschottern ist einfacher als Schotter abzunehmen.







Dabei ist dann aufgefallen, dass der Bahndamm außen zu schmal ist und es keinen Randweg mehr gibt. Bis der Schotter festgeklebt und ausgehärtet ist, konnte ich daran aber nichts ändern. Also munter weiter geschottert, schließlich mit einer Lupe möglichst alle Steinchen, die auf den Schwellen lagen, weggefegt. Ein Blick aufs Original zeigt, dass die Schwellenoberseiten hier doch deutlich aus dem Schotterbett oben rausragen.






Nach der Fege-Aktion wurde dann die Oberfläche mit einem feinen Sprühnebel aus entspanntem Wasser überzogen, und auf die so saugfähig gemachte Oberfläche dann schnell darauf stark verdünnter Leim, ebenfalls mit einem Tropfen Spülmittel versetzt, mittels einer Kanüle eingebracht. Die Sache muss gut getränkt werden.







Während des Trocknens müssen insbesondere die Gleis-Innenseiten unter der Lupe kritisch kontrolliert werden. Jedes Steinchen hier kann ein Holpern der Fahrzeuge hervorrufen. Beim Diorama ist das nicht so kritisch, weil hier kein Zugbetrieb passieren wird, aber bei einem Segment, Modul oder einer Anlage ist das wirklich wichtig. Inzwischen kenne ich meine ausgeprägtesten Pizzaschneider-Fahrzeuge, mit denen mache ich auch ein paar Rolltests, bevor alles trocken ist. Aber gaaaaanz vorsichtig, denn bei Entgleisung können sie wilde Spuren hinterlassen….






Im Bild oben ist der Schotter feucht und entsprechend dunkel. Es heißt jetzt 24 Stunden warten, damit die Magie passiert – danach rührt sich kein Steinchen mehr.






Noch kommt das ganze Diorama im dunklen grau-braun daher. Das soll sich natürlich bald ändern. Nachdem aber nun das Gleis fertig gestellt ist, soll es erst einmal an den zweiten Star der kleinen Szene gehen, und das ist … der Baum.


Liebe Grüße
Kupzinger



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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#8 von Kupzinger , 21.03.2023 19:36




Der Baum

Auf meinem Diorama ist nicht viel drauf. Dem Baum als höchste Struktur kommt also eine besondere Rolle zu. Entsprechend habe ich mich etwas intensiver mit ihm beschäftigt. Meine Erfahrung im Baumbau ist nicht groß. Meinen größten Erfolg bisher habe ich im Bereich Nadelbaum gehabt, siehe Pyrkerbahn in N: Feine Gleise mit dem Schneidplotter (13). Einen Baum ohne Blätter habe ich bisher noch nicht nachgebaut.





Das Original besticht durch eine asymmetrische Form. Ich bin kein Baumexperte, entweder hat die Bahn hier im Rahmen von Bewuchsmanagement vorgesorgt, oder es ist was abgebrochen, oder er ist einfach so gewachsen. Jedenfalls nicht alltäglich. An Ort und Stelle habe ich Bilder vom Baum aus vier Richtungen gemacht, die später zur Ausformung des Modells sehr hilfreich waren. Besonders groß ist der Baum nicht. Natürlich habe ich nachgemessen bzw. von einem Foto mit 2m-Refernz auf seine Gesamthöhe geschlossen.




Ich habe natürlich nicht vor, auf bei zukünftigen Selbstbau-Bäumen für meine Projekte jeden weiteren Baum wieder so genau zu dokumentieren und zu vermessen. Aber um ein Gefühl für die realistische Nachbildung der Äste und Zweige zu bekommen, war diese Übung auf jeden Fall sehr hilfreich. Und genauer hinzuschauen hat beim Modellbau noch nie geschadet. Natürlich muss man den Punkt finden, wo das Modell für sich selbst wirkt und nicht jede Nuance des Originals genau nachgebildet ist. So sieht auch mein Baum am Ende dem Original nur bedingt ähnlich.





Nach der Vermessung stellte sich die Frage nach der Herstellungstechnik. Da ich konkrete Äste und Zweige nachbilden wollte, habe ich zur „Bottom Up Drahtmethode“ gegriffen, wo vom Stamm ausgehend die Verzweigungen des Geästs aus einer Drahtlitze heraus verzwirbelt werden. Die passend skalierten Bilder des Baums dienten als Vorlage. In Spur N ist es wichtig, hier eine Litze mit sehr dünnen Einzeldrähten zu nehmen. Den ersten Versuch mit der abgebildeten Erdungslitze in gelb-grün habe ich daher abgebrochen.






Mein zweites Kabel aus der Restekiste war da schon passender. Der Originalbaum hat natürlich eine extrem hohe Anzahl von Ästen, die ich nicht alle nachgebildet habe, sonst wäre er wohl nie fertig geworden. Aber die wichtigsten Konturen denke ich erwischt zu haben. Um sie davor zu schützen, sich wieder aufzudröseln, und gleichzeitig dem Stamm und den Ästen etwas mehr Volumen zu geben, werden die Drähte noch verlötet.

Irgendwann geht der Draht dann aus bzw. ist zu dick für eine weitere Verfeinerung. Hier habe ich dann etwas für mich Neues ausprobiert: Filterwatte.




Warum ich das noch nicht früher gemacht habe, weiß ich auch nicht. Aquarium-Filterwatte ist online extrem einfach zu bekommen. Ich habe für ein paar Euro ein 250g-Sack bestellt. Das Material wird die nächsten Jahrzehnte wohl genügen und man kann einiges damit anstellen.

Mit Sekundenkleber habe ich die zunächst weißen Kunststofffasern in kleinen Portionen an den Enden der Drähte befestigt. Im Gegenlicht erkennt man schon gut, wie es werden wird.





Der direkte Vergleich zum Vorbild zeigt, dass der echte Baum rechts noch etwas weiter auslandend ist. Ok. Zu spät bemerkt. Wurscht. Der noch ungefärbte Baum wurde dann schon einmal testgepflanzt und abgelichtet.






Schaut natürlich noch reichlich sonderbar aus ohne Farbe. Auch hat der Baum noch einen etwas zu dünnen Stamm, und die Rindenstruktur fehlt. Das „etwas zu dünn“ kann ich in diesem Fall beziffern, der Stamm sollte 3 mm Durchmesser haben.






Beide Fliegen lassen sich mit einer Klappe schlagen, indem der Baumstamm und die unteren Äste rundum mit Leim eingepinselt werden, und hier ein feiner Sand eingerieselt wird (in diesem Fall Polak „Staub unter 0,25 mm“). Das ergibt weiteres Volumen und die Rindenstruktur. Nachdem der Leim leicht angezogen hat, kann man auch durch Modellieren mit einem kleinen Schraubenzieher unten die Verdickung als „Baumfuß“ nachbilden, damit der Baum später nicht allzu gerade aus der Erde kommt.






Zu Weihnachten hatte ich mir ein einfaches Airbrush-Starterset gewünscht, und genau dieses kam dann beim Einsprühen des Baumes in dunkler grau-brauner Mischung zum Einsatz. Eine Airbrush ist hier wirklich gut geeignet. Früher habe ich Pinsel oder Sprühdosen verwendet. Beide Techniken haben oft hässliche Farbtropfen an den dünnen Drähten hinterlassen. Das passiert mit Airbrush nicht. Der Stamm wird dann am Ende noch graniert, d.h. die Struktur hervorgehoben mit einem past trockenen Pinsel mit gaaanz wenig beiger Farbe.






Sodann konnte der Baum an seiner durch das Luftbild genau bestimmten Position eingesetzt werden. Und siehe da: er ist vielleicht nicht ganz so voluminös wie sein großes Vorbild, aber ich finde er wirkt sehr glaubhaft.






Nachdem der Baum erledigt war, konnte es an die Bodengestaltung gehen, die im Bild oben schon zu sehen ist. Dazu in Kürze mehr.

Liebe Grüße
Kupzinger



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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#9 von lennart_k , 21.03.2023 19:55

Hallo Kupzinger,

ein sehr schönes Projekt. Besonders das Motiv gefällt mir sehr gut. Nicht so überladen und sehr dezent!

Bin schon gespannt, wie es weiter geht mit deinem Diorama.

Grüße
Lennart


Kupzinger hat sich bedankt!
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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#10 von Kupzinger , 23.03.2023 16:44




Die Bodengestaltung


Hallo zusammen,

neben Gleis und Baum war das dritte Neuland, was ich bei diesem Diorama betreten habe, die Bodengestaltung im Winterzustand. Diesbezüglich bietet meine doch recht kleine Vorbildfläche, die ich ausgesucht habe, erstaunlich viel Abwechslung:
- ein teilweise bewachsener Damm
- ein Graben mit wenig Pflanzenbewuchs
- ein grasbewachsener Feldweg
- ein matschiger Feldweg – Teile des Matsches habe ich unfreiwillig nachhause getragen…
- ein Feld ohne Bewuchs
- die Grasfläche unter dem Baum zwischen Graben und den beiden Feldwegen

Es gab also einiges zu tun bzw. auszuprobieren.

Der erste Schritt der Bodengestaltung, den ich mir bei Meister Brandl abgeschaut habe, ist das Einstreuen von feinem Sand im gesamten Gestaltungsbereich. Das habe ich schon weiter oben beschrieben. In einem zweiten Schritt habe ich dies ergänzt durch einen unregelmäßigen Auftrag von feinem Laub.








Dieses Laub habe ich aus echten, getrockneten Blättern hergestellt. Vor ca. sechs Jahren habe ich mal eine alte Kaffeemühle mit rotierendem Messer zum Zwecke der Zerkleinerung beiseitegelegt und auch schon wieder herausgeholt. Es entstehen verschieden große Modellblätter, von denen nur die kleinsten verwendbar sind, immerhin geht es hier um 1:160. Ich habe einige Blätter jeweils in Leim einrieseln lassen. Auch die Wege haben Blätter abbekommen. Ein paar zu große haben sich hier und da reingeschmuggelt, die fallen aber nur bei Detailfotos oder unter der Lupe auf.







Alsdann war die große Frage: Grasfasern oder Turf? Da es hier jeweils um niedrigen Bewuchs geht, habe ich beides kombiniert. Es kamen höchst verschiedene Materialen zum Einsatz. Woodland Fine Turf „green gras“, „burnt grass“ und „soil“ (am Feld), Polak Flockdekor 1 mm beige, Mininatur 2 mm Fasern beige, Spätherbst und Sommer. Zusätzlich noch Polak Staub bis 0,25 mm „Hornstein graubraun“ und „dunkelgrau“. Einige Ausdrucke von Bildern des Originals lagen bei allen Arbeiten bereit, und haben geholfen, eine möglichst realistisch wirkende Bodengestaltung umzusetzen. Natürlich ist nicht jeder Busch und jeder Grasfleck dort gelandet, wo er in der Realität zu finden war.






Mit der Dammseite des Gleises habe ich begonnen. Da der Bewuchs überall sehr niedrig ist, habe ich weitestgehend das Schichten verschiedener Materialien vermieden, und Turf wie auch 1 mm Fasern in die gleiche Leimschicht eingebracht (reinrieseln lassen bzw. Elektrostat). Nach kurzer Trocknungszeit habe ich dies gut abgeklopft. Schließlich an wenigen Stellen noch 2 mm Spätherbst-Fasern eingebracht.





Für die Büsche kam wieder Filterwatte zum Einsatz, die ich im gleichen Arbeitsgang wie den Baum in gleicher braun-grauen Farbmischung mit der Airbrush eingesprüht habe. Allerdings so, dass noch einige etwas hellere Stellen (aber kein reines weiß mehr) durchscheinen, so dass Lichter und Schatten entstehen. Das war einfach und schnell gemacht, hat aber einen verblüffenden Effekt erzielt, finde ich.

Eine besondere Herausforderung war der Graben zwischen Gleis und Baum. Wie eingangs erwähnt, musste ich hier die Tiefe des Einschnitts korrigieren. Auch war die gleisseitige Böschung nachzuarbeiten, um dem breiteren Schotternett Rechnung zu tragen. Dazu habe ich Polak Staub (Hornstein graubraun) mit Leim angemischt, so dass eine Modelliermasse entstand. Hiermit habe ich die Innenseiten des Grabens unregelmäßig ausgekleidet, und am Boden den in anderen Bildern sichtbaren, viel zu groben Noch Quarzsand verdeckt. Nach dem Trocknen hatte ich sandig wirkende Böschungen, die ich noch mit einigen beigen Fasern (absichtlich „plattgedrückt“), wenigen Blättern und kleinen Filterwatte-Büschen belebt habe. Ich finde, der Graben braucht ein Vergleich mit dem Originalfoto nicht zu scheuen.








Die Grasfläche unter dem Baum entstand aus grünem Fine Turf, 1 mm Polak Fasern in Beige und ein paar 2 mm Fasern (Mininatur Spätherbst). Ein paar Blätter sorgen für weiteren Realismus.

Die Traktorspuren der Feldwege habe ich in die allererste Farb-Sandschicht eingedrückt, bevor sie noch trocken war. Hier eignen sich auch keine Flächen aus Modelliermasse, in denen sich die Spuren besonders scharf abzeichnen. Hier kommt aber die Farbe der Modelliermasse durch, d.h. es muss nachgepinselt werden. Bei den nachfolgenden Turf- und Faseraufträgen habe ich die Spurrinnen dann weitestgehend ausgelassen, so dass ein Weg entstand.











Das nackte Feld hinter dem Weg habe ich mit Fine Turf „soil“ nachgebildet, welchen ich flächig aufgetragen habe und dann mit einem Stück Pappe einzelne Riefen eingedrückt habe. Die so entstehende Struktur ist nicht schlecht. Leider habe ich mich da in der Farbe vergriffen, das Zeug ist viel zu dunkel. Ich habe dann mit der Airbrush nachgearbeitet, aber das Feld fügt sich immer noch nicht ganz harmonisch in die Farbpalette des Dioramas ein.






Der Schaltstellenpflock entstand einfach aus Fotopapier und einem Messingdraht. Mir ist erst nach längerem Betrachten der Bilder aufgefallen, dass der Pflock beidseitig gestreift ist. Das ist aber logisch, denn aus der einen Richtung wird die Bahnübergang-Blinkanlage angeschaltet, aus der anderen abgeschaltet. Das ÖBB Signalbuch sagt, dass ein Anhalten des Zuges auf dem durch den Pflock markierten Kontakt zu vermeiden ist. Der kleine Schaltkasten neben dem Pflock wurde vermessen und dann aus Pappstücken zusammengesetzt. Wäre er kein kleiner gelber Farbklecks würde er wohl in der Bodengestaltung untergehen. Der Schaltkontakt selbst liegt im inneren Bereich der Schienen und konnte wegen der Spur N Spurenkränze dort nicht nachgebildet werden.






Damit war das Diorama abgeschlossen. Natürlich könnte ich noch weiteren Aufwand in einige Details stecken, aber der Sinn eines Dioramas ist ja vor allem, in beschränkter Zeit zu einem Ergebnis zu kommen. Mir hat der Bau sehr viel Spaß gemacht. Die Idee, bei einer kleinen Szene einmal ganz genau hinzuschauen und diese möglichst realistisch nachzubauen, war eine sehr lehrreiche Übung. Viele Elemente davon, wie die Verwendung von Blättern, die Filterwatte-Gewächse und die diversen Streu- und Fasermaterialien werde ich in Zukunft sicher wieder verwenden.






Es war dann an der Zeit, eine ausgiebige Fotosession zu machen, und die Gestaltung durch das kritische Auge der Kamera zu prüfen. Einige dieser Fotos waren schon zu sehen. Dazu bald mehr.

Liebe Grüße
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#11 von memento , 23.03.2023 18:32

Hallo Kupzinger,

ich bin ernsthaft sprachlos, wie gut das auf den Fotos wirkt. Das Gleis und auch der Baum und überhaupt alles. Wirklich, das ist einfach nur perfekter Modellbau.

Wenn ich überhaupt irgendwas kritisieren wollte, also "Kritik" ist wirklich komplett das falsche Wort: Das feine Geäst überhaupt nachzubilden in 1:160 ist ja schon eine riesige Leistung. Im direkten Vergleich mit dem Vorbildfoto wirkt das mit der Aquarienwolle schon jetzt viel besser als so ziemlich jeder andere Modellbaum, den ich je gesehen habe.

Aber, man sieht da immer noch den Unterschied: das Geäst beim echten Baum ist irgendwie noch einen Tick gleichmäßiger geformt. Aber vermutlich kommt man da einfach an Grenzen, wo es noch originalgetreuer einfach nicht geht. Ich hätte jedenfalls gar keine Ahnung, wie man es noch besser gestalten könnte als Du es hier zeigst.

LG
Thomas


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Drei Kreise in Preußen (Spur N Micro Layout 2016)


 
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#12 von reinout , 23.03.2023 19:27

Was mir vor allem gefällt ist die Harmonie der Farben. Alles passt einfach gut zusammen.
Klasse Diorama!

Reinout


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#13 von Kupzinger , 23.03.2023 19:28

Hallo Thomas,

hey, danke für das große Lob. Freut mich sehr. Ja, der Baum hätte noch etwas dichter und regelmäßiger werden können. Dazu währen mehr Äste notwendig gewesen, und vielleicht auch noch ein Material dessen Dicke zwischen Draht und Filterwatte liegt.

Ich habe einfach in dem gezeigten Status aufgehört, weil ich nicht mehr Zeit investieren wollte. Ich finde wichtig, gerade bei so einem 1:1 Nachbau, dass man an einer bestimmten Stelle aufhört. Sonst würde ich selbst zumindest nichts fertig bekommen.

Liebe Grüße
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#14 von Kupzinger , 23.03.2023 19:33

Hallo Reinout,

danke. Ja stimmt, die Farbpalette ist sicher ein wichtiger Faktor. Hier ist man ja leider ziemlich abhängig von den Tönen, die man kaufen kann. Einige der verwendeten Materialien kannte ich schon und wusste, wie sie wirken. Die Turf Sachen habe ich dann passend ausgesucht.

Liebe Grüße
Kupzinger



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Kupzinger
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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#15 von Kupzinger , 26.03.2023 14:12




Die Fotos und ein Fazit

Was mache ich als Betriebsmodellbahner mit einem kleinen Diorama und nur 26 cm Gleis? Fotos. Fotos zeigen Ausschnitte der Wirklichkeit, oder eben des Modells der Wirklichkeit. In dem der intuitive Größenvergleich verloren geht, muss der Betrachter andere Anhaltspunkte finden, um festzustellen, ob er ein Modell vor sich hat oder nicht. Darum sind Fotos ein gutes Mittel, Schwachpunkte von Modellen aufzudecken. Abweichungen von realen Verhältnissen fallen beim Betrachten eines Modellfotos sofort auf, je länger und genauer man suchen muss, umso besser natürlich das Modell. Diese Fotos eignen sich auch gut zur Veröffentlichung hier im Forum. Ich mache das vor allem, um Techniken und Verbesserungen diskutieren zu können. Bei der Gleisbaumethode hat es einen regen Austausch gegeben, danke Euch dafür!

Im diesem letzten Teil dieser Diorama-Serie möchte ich etwas auf meine Erfahrungen bei der Dioramen- und Anlagenfotografie eingehen.


Die Kamera
Ich finde, dass insbesondere kleine Kameras für die Modellbahnfotografie gut geeignet sind. Klein in Bezug auf Objektivdurchmessern, und klein in Bezug auf Abstand Objektivachse zum Kameraboden. Denn eine Perspektive aus menschlichem Betrachtungswinkel ist oft attraktiv, und dazu muss die Sichtachse nahe an die Anlagen- oder Dioramaoberfläche heranrücken können. Es sei denn, man kann sich eine Kante oder eine Dammlage (wie im Bild oben) zunutze machen. Dieses Feature habe ich aus diesem Grund von vornherein eingeplant.


Der Hintergrund
Vernünftige Modellfotos kommen quasi nicht ohne einen brauchbaren Hintergrund aus. Es sei denn, wir schauen von oben oder schräg auf ein flächiges Modell. Oder wollen offen zeigen, dass wir ein Modell darstellen. Es ist sehr hilfreich, für Fotos ein bewegliches Hintergrundbild zu haben, das man je nach Perspektive passend platzieren kann. Die Farben im Hintergrund sollten zu denen der gestalteten Fläche passen bzw. sich wiederfinden.





Für meine Fotos in diesem Thread habe ich extra vor Ort ein Hintergrundbild aufgenommen. Das Bild habe ich dann auf zwei A4-Blätter als Panorama ausgedruckt und mit einem Klebestift auf ein Stück Pappe geklebt. Bei dieser Sparversion (die ich z.B. auch schon hier verwenden habe RE: GN15 Fahrzeuge für Anlage und Tochter-Vater-Einsatz (2)) ist ein kleiner Trennstrich sichtbar, wo die Blätter aneinanderstoßen. Das habe ich dann jeweils im post processing verschwinden lassen. Man kann sich das Hintergrundbild auch professionell und nahtlos drucken lassen. Ich würde aber immer auf mattes Papier drucken. Fotopapier, selbst wenn nur „seidenmatt“, erzeugt unangenehme Spiegelungen.





Die Schärfentiefe
Die optischen Eigenschaften unserer Kameras führen dazu, dass reale Szenen, die mehr als wenige Meter entfernt sind, üblicherweise (fast) komplett scharf abgebildet werden. Wir sind solche Bilder gewohnt. Der Betrachter erwartet dies zu einem gewissen Grad also auch von einem Modellfoto. Andererseits ist Unschärfe ein gutes Mittel, um den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Ich finde nicht, dass Modelle immer bis ins letzte scharf abgebildet sein müssen, aber wenn das Bild ausdrücken soll „Schau mal wie realistisch!“, dann ist es von Vorteil.





Hier kommt dann die Kameratechnik ins Spiel. Handykameras haben typischerweise keine Blende, um die Schärfentiefe einzustellen. Hier muss man mit unscharfen Bereichen in Makrofotos leben und diese bewusst einsetzten. Hat man eine Blende, kann man diese schließen. Jedoch werden Fotos durch Beugungseffekte an der Blende wieder unschärfer, wenn die Blendenzahl sehr groß wird. Blende 11 oder auch noch 16 ist ok, 22 dann ggf. nicht mehr. Ist das Objekt nahe an der Kamera, ist bei solchen Blendenzahlen noch nicht ausreichend Schärfentiefe vorhanden. Es bleibt dann nur ein Ausweg: Focus Stacking. Hier werden mehrere Fotos mit unterschiedlicher Fokussierung gemacht und dann zusammengerechnet. Die Fotos in diesem Thread sind fast alle so entstanden, aus 20…50 Einzelfotos. Wenn man genau hinschaut, sieht man manchmal leichte Artefakte, die dabei entstehen. Generell liefert die Technik aber sehr beeindruckende Ergebnisse.


Das Licht
Die Stimmung, aber auch der Realismus der Fotos wird sehr stark vom Licht beeinflusst. Da ich keinen Anspruch auf eine Profiausstattung für Fotos habe, verwende ich gerne Tageslicht für meine Modellfotos. Mit dem Nachteil, dass ich also nur dann Fotos machen kann, wenn gutes Licht herrscht und ich zugleich Zeit zum Fotografieren habe. Was bei mir nur am Wochenende möglich ist. Oft genügt das Licht, welches aus einem Fenster auf das Diorama fällt. Das Licht ist diffus, aber gleichmäßig. Kommt die Sonne raus, dann braucht es einen möglichst großen sonnigen Bereich ohne Schatten, was bei Dioramen noch machbar, bei fixen Anlagen eher schwierig zu fotografieren ist.





Abends geht nur Kunstlicht. Für das kleine Diorama kann auch meine Schreibtischlampe herhalten. Aber diese Bilder fallen qualitativ weit hinter jene, die bei Tageslicht entstanden sind. Bei Bildern in diesem Beitrag sieht man den Unterschied. Die 70ger mit dem gelben Kaffeewagen ist mit einer einfachen LED-Lampe beleichtet. Gute Fotolampen würden hier helfen.

Fotos im Freien
Um bei Sonnenlicht fotografieren zu können, musste ich nach draußen gehen. Was das bedeutet, ist jedoch nicht zu unterschätzen. Auf dem Transport habe ich gleich mal am Baum ein paar Äste unrealistisch verbogen, dass ist mir dann erst auf den Fotos aufgefallen. Eine ebene Aufstellung ist nicht leicht, mein Wagon ist mir mehrfach davongerollt. Dann hat es einen leichten Wind gegeben, der Hintergrund ist ins Diorama gekracht, die Reiter sind umgefallen … am Ende habe ich mit Verzögerung ausgelöst und erst dann mit beiden Händen den Hintergrund an die richtige Stelle gehalten. Bei hellem Licht ist auch das Display der Kamera schwer sichtbar, die Beurteilung der Fotos wird erschwert. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht!





Die Perspektive

Bei einem kleinen Diorama kann man sich sehr schön mit der Perspektive spielen, weil sowohl Objekt wie auch Kamera gut beweglich sind. Dafür gibt es nicht viele Blickwinkel, wo keine Dioramakante im Bild ist. Anlagenkante im Bild wird generell aus unvorteilhaft angesehen, weil die Illusion der räumlichen Ausbreitung verloren geht. Andererseits entstehen interessante Kontraste, wenn eine Holz- oder Styroduroberfläche auftaucht. Trotzdem habe ich weitestgehend versucht, dies zu vermeiden. Der Hintergrund hilft bei der jeweils hinteren Kante, die vordere ist oft nicht im Bild oder kann weggeschnitten werden. Die Seiten erfordern Kreativität. Bei meinen Bildern endet ab und zu das Gleis einfallslos vor einem Abgrund.





Es gibt aber auch Ansichten, bei der das Gleis graziös hinter einer kleinen Anhöhe verschwindet. Modellfahrzeuge zeige ich am liebsten aus einer niedrigen Perspektive, so wirken sie besonders groß (bei Spur N wichtig…) und realistisch.





Die minimale Fokusdistanz

Jedes Objektiv hat seine minimale Fokusdistanz. Näher als diese Entfernung kann nicht scharfgestellt werden. In Spur N ist es ratsam, Optiken zu verwenden, wo dieser Wert recht gering ist. 20 cm oder sogar weniger brauche ich öfters. Bei Handykameras geht sowas leicht. Meine kleine Fuji-Systemkamera hingegen hat bei ihren Optiken eher 30..40 cm Minimalabstand. In dem Fall muss ich entweder weiter weggehen oder auf spezielle Objektive zurückgreifen. Ich habe ein 24 mm Canon Objektiv mit Adapter, welches auf ca. 20 cm runterkommt. Ein Zwischenring zwischen Kamera und Objektiv verringert ebenfalls die minimale Fokusdistanz. Hier ist aber wieder nachteilig, dass nicht mehr auf unendlich fokussiert werden kann. Bei Fokus Stacks bedeutet dies, dass zwar das Motiv im Vordergrund scharf wird, nicht aber alles bis in den entfernten Hintergrund scharf sein kann.

Was ich in dem Fall gerne mache ist, den Zwischenring mit meinem Zoom 18…55 mm einzusetzen. Mit der Brennweite ändern sich am Minimal- und Maximalfokuspunkt rapide. Mit etwas rumprobieren findet sich dann schnell eine Konstellation, wo das Diorama von vorne bis hinten im Fokus-Bereich des Objektivs liegt. Dann kann leicht ein Stack gemacht werden.





Die Nachbearbeitung
Die „Fokus-Stapel“ kommen bei mir in den Computer zum Zusammenrechnen (mit Affinity Photo). Das Ergebnis speichere ich, die Einzelbilder bewahre ich nicht auf. Alle Nachbearbeitungen mache ich an einer App am Tablet oder Handy, z.B. in der Hängematte. Das macht deutlich mehr Spaß als am Computer. Beschneiden, Helligkeitskorrekturen, leichte Retuschen von Dioramaecken oder dem Strich im Hintergrund. Die Kunstlichtbilder brauchten auch Weißabgleich und etwas Farbgradation (etwas Lila in den Schatten), sonst hätten sie gegenüber den anderen Bildern zu flach gewirkt.





Das Fazit

Am Ende bin ich selbst überrascht, wie gut es gelaufen ist. Daraus folgt: es war gar nicht so schwer. Wer sowas nachmachen will, dem rate ich: wähle ein kompaktes Motiv. Überlege Dir, was wichtig ist, und was weniger. Nimm Dir ein paar neue Techniken vor, die Du testen willst. Gehe schrittweise vor. Prüfe jeden Schritt kritisch mit Fotos. Umbauen und Nachbessern geht jederzeit. Vergleiche mit Originalfotos. Die Umsetzung muss nicht perfekt sein, aber durch das Original „informiert“. Dadurch wird sie realistisch. Mache gute Fotos bei Tageslicht. Auch Gegenlicht ist erlaubt. Viel Spaß!





Damit verabschieden wir uns von diesem kleinen Ausschnitt der 180° Gleiskehre im Weinviertel. Inzwischen wird dort der Frühling ausgebrochen sein, ich muss mal wieder hinfahren und schauen. Ich hoffe es hat Spaß gemacht und war unterhaltsam zu lesen. Danke für die Kommentare. Auf zum nächsten Projekt!

Liebe Grüße
Kupzinger





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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#16 von Uegloff , 26.03.2023 19:22

Hallo Kupzinger

Das ist der absolute Hammer, was Du da erstellt hast, und dann auch noch in 1:160! Mich macht das sprachlos, mit welcher Akribie und naturtreue Du das entstehen lassen hast. Das natürlichste Bild ist natürlich immer das Vorbild, aber Du bist schon haarscharf an der Illusion des Vorbilds ran - großer Respekt von meiner Seite!

Vielen Dank fürs Teilen der Fotos!

Viele Grüße
Urban


Kupzinger hat sich bedankt!
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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#17 von Gelöschtes Mitglied , 04.04.2023 00:43

Danke für diese schöne Reise ins Weinviertel, und auch für die ausführliche Beschreibung deines Schaffens.
Hat Spaß gemacht beim zuschauen.

Du solltest diese Seite mit in deine Fußnote aufnehmen, so das dies hier nicht nur von aufmerksamen Thread-Lesern gefunden wird.

Gruß Uwe


Kupzinger hat sich bedankt!

RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#18 von amayer , 04.04.2023 17:23

Hallo Kupzinger,

vor allem dieses Foto

Zitat von Kupzinger im Beitrag #15



hat mich zunächst stutzig gemacht - ist das echt?

Eine grandiose Leistung, dein Diorama! Insbesondere die winterliche Gestaltung gefällt - auch weil im Modell sehr selten nachgebildet! Du hast die Natur wirklich aufs Akribischste nachgebildet!

Viele Grüße
Andreas


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RE: Kilometer 15,6 Korneuburg – Ernstbrunn in 1:160

#19 von Kupzinger , 04.04.2023 21:42

Lieber Andreas,

Dein Kommentar freut mich sehr. Die ersten Code 40 Gleise habe ich in Rambach bewundert. Deine Bilder haben mich sehr beeindruckt. Seit dem Du Rambach 1 gebaut hast, rumort es in mir :)

Liebe Grüße aus Wien
Kupzinger



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#20 von amayer , 05.04.2023 09:07

Hallo Kupzinger,

das freut mich sehr, dass Rambach den Anstoß gegeben hat für Deine "Code-40-Karriere"! Mit Deinem Selbstbaugleis aus dem Schneidplotter setzt Du Dir selbst die Gleisbau-Krone auf. In Rambach 1.0 lötete ich "nur" an Gleisbausätzen von Kurt Maaser von Mago Finescale herum, aber Deine feinen Gleise halten selbst Nahaufnahmen mühelos Stand. Was mich bei den Maaser-Bausätzen immer störte, waren die glatten Pertinaxschwellen - Deine Echtholzschwellen hingegen...

Viele Grüße
Andreas


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Kleines Diorama "Auf der Alb"
RE: IHMB - Schloss Haag - Original-Baustelle IV. Es wird.

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